Die Freie Gesellschaft

 

Ihre Wirtschaft und ihr Recht

 

Dietrich Eckardt

 

Vorwort

 

Auch das hier vorliegende Werk, das in eine Reihe gehört mit meinen Büchern „Persönlichkeitsbildung in Freiheit…“ und „Die Staatsgesellschaft…“ ist ein Aufklärungsbuch. Es wendet sich an jene Leser, die nicht willens sind, die große Diskrepanz hinzunehmen, die sie zwischen dem hohen Niveau technischer und ökonomischer Realität auf der einen Seite und der Einfältigkeit gesellschaftlicher, insbesondere gesellschaftspolitischer Theorie und Praxis auf der anderen bemerken.

Wer sich mit der europäischen Aufklärungsepoche näher beschäftigt hat, wird in diesem Buch viel Bekanntes wiederfinden. Nur sollte er nicht Augen und Ohren verschließen, wenn er mit den radikalen Konsequenzen des damals Erdachten konfrontiert ist. Die gibt es nämlich auch. Es besteht Gelegenheit, sich anhand dieses Buches (wie auch anhand der beiden oben genannten Bücher) damit auseinanderzusetzen.

In meinen früheren Werken (2007, 2018, 2018 a) beschrieb ich die Behinderungen der individuellen Lebensentfaltung durch die Gesellschaft und ihre Machthaber. Das erklärt die darin vorherrschende negative Grundstimmung. Im hier vorliegenden Werk geht es um Positives. An die Kritik der früheren Werke knüpfe ich zwar an, im Vordergrund steht aber eine bejahende Vision, die Vision einer wahrhaft freien Gesellschaft.

Auch anderwärts sind Bemühungen im Gange, Gesellschaftlichkeit in Freiheit neu zu denken. Selbst in der Alltagspraxis keimt Manches, was vom Freiheitsstandpunkt aus als zukunftsträchtig angesehen werden kann. Was fehlt, ist eine durchgängige ordnungsstiftende Topographie, die eine Überschau (theoria) gestattete über die Vielfalt freiheitsrelevanter Erscheinungen und die die Freiheitsidee in den wichtigen menschlichen Lebensbereichen Wirtschaft und Recht unverrückbar und kompromisslos festmacht.

Die gegenwärtigen Freiheitsdefizite sind offensichtlich. Selbst den Eliten der Wissenschaft und den Funktionsträgern in Medien und Politik sind sie nicht fremd. Nur macht es angesichts der Überfälligkeit von Änderungen wenig Sinn, die Aufmerksamkeit immer nur auf die Mängel zu richten. Hilfreicher ist es, die Diskussion gesellschaftlicher Grundfragen wieder zu beleben. Nur so können Richtlinien gefunden werden, die besser sind als jene, die bisher das Handeln bestimmten.

Nicht alle hier vorgetragene Untersuchungsergebnisse sind leicht eingängig. Durch systematische Darstellung und mannigfachen Gebrauch von Redundanzen versuche ich, das Verstehen jener Textpassagen zu erleichtern, die Ungewohntes präsentieren. Außerdem bemühe ich mich überall dort, wo es möglich bzw. nötig ist, anderen Autoren das Wort zu geben. Deshalb finden die Leser viele Verweise im Text, denen sie bei Bedarf nachgehen können.

 

Inhalt

 

A Ausgangslage und Fragestellung

A 1 Gesellschaft und Gesellschaftlichkeit

A 2 Leitfragen für die Darstellung der Untersuchungs-

ergebnisse

 

B Die Untersuchungsergebnisse

B 1 Freiheit und Knechtschaft in der Wirt-

schaft

B 1.1 Leistungsteilung und Tausch

B 1.2 Das Ich als Tauschpartner

B 1.3 Wettbewerb und Monopolismus am Markt

B 2 Freiheit und Knechtschaft beim Recht

B 2.1 Das Eigentum

B 2.2 Die Handlungsnormen

B 2.3 Gebotenes Recht

B 2.3.1 Vom Vertrag zum Gesetz

B 2.3.2 Rechte und Pflichten

B 2.3.3 Die Selbstgesetzgebung

B 2.3.4 Verbindlichkeit selbstgeschöpfter Gesetze

B 2.3.5 Selbstgesetzgebung und Gerechtigkeit

B 2.4 Verbotenes Unrecht

B 2.4.1 Unrecht als Eigentumsschädigung

B 2.4.2 Rechtsschutzeinrichtungen

B 2.4.2.1 Feststellung von Unrecht

B 2.4.2.2 Vergeltung von Unrecht

B 2.4.2.3 Abwehr von Unrecht

B 2.5 Kodifizierung der Handlungsnormen

B 2.6 Wettbewerb und Monopolismus beim Recht

B 3 Entmachtung der ökonomischen und

juridischen Monopole

B 3.1 Abschaffung des Monopolismus?

B 3.1.1 Monopole bei den Versorgungsnetzen

B 3.1.2 Monopole bei den Rechtsschutzbetrieben

B 3.2 Entflechtung von Monopolkonzerne n

B 3.3 Privatisierung

B 3.4 Entmachtung als Politik

B 3.4.1 Das Funktionsfeld freiheitssichernder Politik

B 3.4.2 Antimonopole als Gegengewicht gegen die

Macht der Monopole

B 3.4.3 Machtergreifung und Machterteilung

B 3.4.4 Die kandidatenfreie Persönlichkeitswahl

B 3.4.4.1 Die Demokratie des Marktes

B 3.4.4.2 Kandidatenfreiheit bei Wahlen

B 3.4.4.3 Wahlablauf bei der kandidatenfreien Persön-

lichkeitswahl

B 3.4.4.4 Rangfolge der „Güte“

B 3.4.4.5 Ehrenamtlichkeit der Gewählten

B 3.4.4.6 Minderheitenintegration

 

C Das Leben freier Bürger

C 1 Der Alltag in der Freien Gesellschaft

C 2 Die Verfassung der Freien Gesellschaft

C 3 Ein Leben ohne Staat?

 

 

 

Anhg. 1: Das Bodenmonopol und seine Grenzen

Anhg. 2: Ruhezonen in der Freien Gesellschaft

Anhg. 3: Der Minimalstaat

 

Literatur- und Abkürzungsverzeichnis

 

 

A Ausgangslage und Fragestellung

 

Ist die Gesellschaft der Ort der Freiheit, so wie der Ausdruck „Freie Gesellschaft“ im Buchtitel dies auszusagen scheint? Die Antwort ist seit Jahrhunderten fest in unserem Bewusstsein verankert: Der Ort der Freiheit ist das Ich. Wenn von Freiheit die Rede ist, müssen wir auf das Ich schauen. Ob nun das Ich seine Freiheit lebt bzw. nutzt oder nicht, zumindest ist es freiheitsbegabt.

Wenn Freiheit innerhalb der Gesellschaft ernst genommen werden soll, kommt man nicht umhin, freie Gesellschaftlichkeit in allen Lebensbereichen auf das Ich hin und vom Ich her zu denken. Und nur wenn eine Gesellschaft der Freiheit des Ich breiten Raum gibt, wird man - metaphorisch - von einer „Freien Gesellschaft“ reden können.

Im Hinblick auf eine freie Gesellschaft spreche ich auch von humaner bzw. von human organisierter Gesellschaft. Soll das Wort „Humanität“ überhaupt etwas Sinnvolles bedeuten, dann kann damit nur der Bezug zum real existierenden Ich (samt seiner Freiheitsbegabung!) gemeint sein. Dies gilt es vor allem Nachdenken über die Beziehung des Ich zum Du, also über das Wir, erst einmal festzuhalten. Ohne den nachdrücklichen Ich-Bezug sind alle Humanitätsbekenntnisse nichts als großmäulige Sprüche und hohle Proklamationen.

Die Redewendung „schlüssig-humane Gesellschaft“ meint: Dem Ich sei ermöglicht, sich sein Verhältnis zu den Anderen (den Umständen entsprechend) so aufzubauen, wie es selbst dies will - allerdings ohne einem Du das gleiche Recht zu verwehren. Es geht um den frei gestalteten Umgang eines Ich mit seinem Gegenüber, insbesondere mit den Machtinstanzen der Gesellschaft.

Seit langem gibt es vage, zum Teil obskure Freiheitsvisionen. Den größten Bezug zur Realität hat immer noch die „klassische“, die die europäische Aufklärung erarbeitet hat. In den folgenden Texten will ich versuchen, dieser Vision in Bezug auf die soziale Eingebundenheit des Ich Kontur zu verleihen. Dabei beziehe ich mich vor allem auf die Spätschriften Immanuel Kants.

Für Kant war Freiheit „seine wichtigste Denk- und Lebensmaxime“ (Manfred Geier, 2013), für die er auch persönliche Risiken und Nachteile in Kauf nahm. Kant war es auch, der erkannte, dass es einer radikalen Verwandlung des Denkens bedarf (der von ihm sogenannten „Kopernikanische Wende“), um Freiheit umfänglich zu erfassen.

Man liest viele der in Kants Schriften formulierten Thesen so leicht dahin. Im Laufe der folgenden Darstellung wird sich zeigen, dass sich dahinter eine immense Sprengkraft verbirgt. Heinrich Heine nannte Kants Kritik der reinen Vernunft „das Schwert, das dem europäischen Deismus den Kopf abgeschlagen hat“ (Isaiah Berlin, 2006). In den folgenden Abschnitten des Buches wird sich zeigen, dass dies im Grunde auch der obrigkeitlichen, von Kant abschätzig so genannten „majestätischen Gesetzgebung“ widerfahren ist.

Aufklärung zielt auf Erkenntniszuwachs. Keine noch so eindringliche Aufklärungsschrift kann den Menschen – wesensmäßig ausgestattet mit einer Licht- und einer Schattenseite - zum strahlenden Halbgott machen. Schon Kant wusste: „Aus so krummen Holze, als woraus der Mensch gemacht ist, kann nichts ganz Gerades gezimmert werden.“

Die hier vorgestellten Thesen sind zugeschnitten auf den Menschen, so wie er nun einmal ist, auf den gewissermaßen „alten“ Menschen. Das ist der Mensch, dessen zwiespältige Natur über die Jahrtausende hinweg die gleiche geblieben ist, nur dass er sich neuerdings in einer etwas unangenehmen Gemütslage befindet, die auf Bereinigung drängt. Aufklärung kann ein helleres Bewusstsein beim Ich über sich selbst und über seine Lebensumstände bewirken.

Das gilt insbesondere in Bezug auf alles, was mit Freiheit zu tun hat. Hier sehe ich ein Bewusstseinsdefizit. Der Mensch hat zwar die Freiheit schon in sich, auch wenn er oft als „freiheitsträge“ erscheint (Mathias Döpfner, 2011). Aber er ist sich seiner Freiheitsbegabung einschließlich aller daraus erwachsenden Konsequenzen nicht immer bewusst.

Meine Erörterungen über die Freie Gesellschaft eröffne ich mit einem erkenntnistheoretischen Exkurs zur Gegenstandsbestimmung der Untersuchung (im Folgenden: Abschnitt A 1). Danach formuliere ich die drei Fragen, die die Darstellung der Untersuchungsergebnisse im Hauptabschnitt B leiten (im Folgenden: Abschnitt A 2).

 

 

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