Konstitutionsanalyse

Konstitutionsanalyse

Eine Einführung in die phänomenologische Methode

Dietrich Eckardt

 

Vorwort

Die spezifische Ausprägung theoretischer Analyse, die ich unter dem Titel „Konstitutionsanalyse“ darstelle, dürfte allen Phänomenologen, sofern sie auf den Lehren des Begründers der phänomenologischen Methode, Edmund Husserl, fußen, vertraut sein. Für solche ist meine Schrift nicht bestimmt, jedenfalls nicht in erster Linie. Ich denke primär an einen Leser, dem der Inhalt der methodischen Schriften Husserls unbekannt bzw. unzugänglich ist, der einen kurzen Überblick über die Grundgestalt der phänomenologischen Methode sucht, sei es zum Zwecke der schnellen Information, sei es zum Zwecke des Einstiegs in die Arbeit an den Originaltexten.

Um die – wenn auch knappe – Information textnah zu halten, habe ich versucht, möglichst oft Husserl selbst zu Wort kommen zu lassen. Zur Erleichterung des Einstiegs in die Arbeit an den Originaltexten ist ein relativ umfangreicher Anmerkungsteil beigefügt.

 

Inhalt

A Ausgangslage und Problemstellung

B Interpretation der Spätwerke Edmund Husserls

  1. Analyse und Synthese

  2. Die Epoché

  3. Der Erlebnisstrom des weltbildenden Subjekts als Gegenstand der konstitutiven Forschung Die phänomenologische Variation

  4. Das lebensweltliche Apriori

 

C Zusammenfassung und Perspektiven

 

D Anmerkungen

 

E Literatur

 

 

A Ausgangslage und Problemstellung

 

Dass eine Theorie sachnah ist, d. h. die Sachen bzw. die Sachaspekte (z. B. den quantitativen Aspekt), die sie zu beschreiben vorgibt, auch wirklich trifft, ist keine Selbstverständlichkeit. Sogar in scheinbar so anwendungsorientierten Wissenschaften wie der Mathematik ist Sachnähe nicht gesichert. Hier ist sogar oft ein bewusster Verzicht auf Sachnähe zu beobachten. Die Theorien erscheinen als bloßer Selbstzweck. – „Sie dienen dann gleichsam nur noch der gehobenen Zerstreuung von Mathematikern“ (P. Janich u. a., 1974).

 

Die Fundierung und Rechtfertigung der Theorie von den Sachen her war anfangs ganz selbstverständlich. Dieser Zusammenhang wurde erst später vergessen. Dass die Frage der Sachnähe der Theorien heute eine solche Bedeutsamkeit hat erlangen können, mag in der eigenartigen Institutionalisierung der Theorie begründet liegen, die es mit sich bringt, dass heute Theorie nicht nur aus sachbestimmten Fragestellungen heraus unmittelbar entsteht, und also aus der Praxis lebt, sondern vorwiegend ein Eigenleben neben der Praxis führt.

 

Ein kompetenter Praktiker wird einer Theorie niemals ihre Abstraktheit vorwerfen. Er muss aber – will er sich selbst treu bleiben - ihre Sachferne tadeln. Er kann und wird, was diese Frage angeht, sogar einen Anspruch geltend machen, dem Theorie gerecht werden soll. Will sich der Theoretiker dem Rechtfertigungsanspruch der Praxis nicht entziehen, entsteht für ihn das Problem, wie er diesem Anspruch genügen soll. Es wird keine Möglichkeit geben, die Sachnähe einer Theorie absolut zu sichern. Aber vielleicht gibt es einen Weg, der garantiert, dass die Theoriebildung den Sachen nicht ganz davonläuft.

 

Die Frage nach der Sachnähe von Theorien stellt sich heute zunächst von den bereits vorliegenden Theorien her. Sie lautet dann: Welche Affinitäten zur Theorie lassen sich in der Welt der Sachen vorfinden? Die Frage nach der Sachnähe wird also nachträglich an die schon vorhandenen Theorien herangetragen. Dies ist die Grundgestalt der heutigen Anwendungsproblematik. Der Ernsthafte Versuch, auf diesem Wege das Problem der Sachnähe einer Theorie zu lösen, führt zu außerordentlichen Schwierigkeiten. Einer schon entwickelten Theorie ihren Sachbezug im Nachhinein unterzuschieben, ist schon deshalb kaum möglich, weil oft die ursprünglichen Motive und Interessen und auch die analytischen Vorarbeiten, die zu ihrer Entstehung geführt haben, nicht mehr eruiert werden können.

 

Solche Schwierigkeiten lassen es ratsam erscheinen, den Frageansatz zu ändern. Wo die Frage bisher lautete, inwiefern ist die Sachenwelt der Welt der Theorie adäquat, lautet sie jetzt: inwiefern ist die Welt der Theorie der Sachenwelt adäquat; haben die ihr eigenen Bauelemente überhaupt noch ein Pendant in der Welt der Sachen? Das heißt, die Fragestellung verschiebt sich in Richtung auf den Primat der Sachen.

 

Die Umwandlung der Frage hat entscheidende Folgen für den Stil ihrer Beantwortung. Die Antwort erhält nämlich jetzt den Charakter eines Aufweises bzw. einer Nachzeichnung des Weges (methodos), den das Denken gehen muss, um zu einer Theorie zu kommen, die (in einem noch zu explizierenden Sinne – vgl. Teil C) sachnah ist.

Bei der Theoriebildung über bestimmte Sachverhalte besteht nach wie vor die Schwierigkeit, die fundierenden Begriffe und Aussagen sachnah zu entwickeln. Dabei soll „Sache“ hier ganz bewusst im Sinne eines Erlebnisses des weltbildenden Subjekts, als „Phänomen“, verstanden werden und Sachnähe als Phänomenadäquanz. Ein Vorschlag zur Methode phänomenadäquater Theoriebildung stammt von Edmund Husserl. Die vorliegende Schrift bietet einen knappen Abriss des methodischen Ansatzes Husserls.

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