Persönlichkeitsbildung in Freiheit

 

Eine Alternative zum heutigen Bildungsbetrieb

 

Dietrich Eckardt

 

 

Vorwort

 

Das hier vorliegende Buch versteht sich als Aufklärungsschrift. Es soll denen Mut machen, die sich von dem „Smog im Hirn“ (Claudio Hofmann) befreien wollen, den sie infolge des heute üblichen Bildungsgangs in sich angehäuft haben.

Aufklärung hat gewöhnlich die Zerstörung eingewachsener Denkgewohnheiten und Tabus zur Folge. Das sollten die Leser wissen, bevor sie mit der Lektüre des Buches beginnen.

Diejenigen Autoren, die sich mit Nachdruck für das Thema „Persönlichkeitsbildung in Freiheit“ eingesetzt haben, zitiere ich gern und räume ihnen im Buch viel Raum ein. Vielleicht konnte ich aufgrund eigener Beobachtungen und Analysen die eine oder andere Argumentationslücke in ihren Schriften schließen. Und nun hoffe ich auf die Hilfe meiner Leser beim Schließen jener Lücken, die sie in meinem Buch finden.

Der Freiheitsbegriff – streng genommen – versetzt in eine Welt, die für Viele ungewohnt ist, obwohl sie das Wort oft im Munde führen. Sein volles Verständnis verlangt eine „Revolution der Denkungsart“ (Immanuel Kant). Ist eine solche einmal vollbracht, kann der Einstieg gewagt werden in Überlegungen der Art, wie ich sie in den Werken „Die freie Gesellschaft…“ (2018) und „Die Staatsgesellschaft…“(2018 a) angestellt habe (s. Literaturverzeichnis am Schluss des Buches).

 

Inhalt

 

A Ausgangslage und Problemstellung

B Die Untersuchungsergebnisse

B 1 Persönlichkeitsbildung heute

B 1.1 Das Lernen nach Plan

B 1.2 Der Bildungsdespotismus

B 1.3 Die Schulpflicht

B 1.4 Der „heimliche Lehrplan“

B 1.5 Der Weg in die Knechtschaft

B 2 Freie Persönlichkeitsbildung

B 2.1 Individuum und Freiheit

B 2.1.1 Die zwei Seiten des Ich

B 2.1.2 Freiheit des Ich und Freiheit des Du

B 2.1.3 Freiheit und Selbstverantwortung

B 2.2 Der freie Bildungsgang

B 2.2.1 Der Bildungsweg als unbehindertes Wachstum

B 2.2.2 Das Bildungsziel als Mündigkeit

2.3 Freie Bildungsstätten

B 2.3.1 Kinderdörfer als Orte familiären Aufwachsens

B 2.3.2 Lehrhäuser als Jugendbildungsstätten

B 2.3.3 Foren der Reflexion und des Diskurses

B 2.4 Emotionale Basis der freien Bildung

B 2.4.1 Achtung und Liebe

B 2.4.2 Existenzangst

C Die Zukunft

C 1 Der Widerstreit im heutigen Bildungsverständnis

C 2 Der vergebliche Versuch, Schule abzuschaffen

C 3 Die Selbstzerstörung der Schule

C 4 Frustration und Gegenwehr

C 5 In weiter Ferne - die Vision einer freien Bildung

 

D Literaturverzeichnis

A Ausgangslage und Problemstellung

 

Nach dem Vorschlag des ehemals in Preußen für Bildungsfragen zuständigen Ministers Wilhelm von Humboldt solle durch organisierte Persönlichkeitsbildung „eine höhere Menschheit“ entstehen. Eine „Veredelung des ganzen Menschengeschlechts“ solle stattfinden. Die Persönlichkeitsbildung hätte „alles einem Ideal zuzubilden“ (Nachdruck 2017). Diese romantisch inspirierte Bildungsvorstellung stand in krassem Gegensatz zu der eher nüchternen Sicht der Dinge, die einige Vertreter der europäischen Aufklärung damals hatten: „Aus so krummem Holze, als woraus der Mensch gemacht ist, meinte Immanuel Kant, kann nichts ganz Gerades gezimmert werden.“

Nachdem die Zielvorstellung vom „idealen Menschen“ bei der Bildung der Heranwachsenden nun endgültig abgewirtschaftet hat, muss man sich wohl auf Bescheideneres besinnen. Es gibt anscheinend kein „höheres Ziel“ für die Persönlichkeitsbildung als den möglichst großen Ausbau individuell vorhandenen Geistes- und Handlungspotentials. Dieser Ausbau sollte innerhalb der Grenzen erfolgen, die Jedem von seinem Schicksal her vorgezeichnet sind. Trotz solcher Grenzen kann sich ein (selbst einfaches) Leben glücklich entfalten und schöne Blüten treiben.

Solche Blüten begegnen mir derzeit selten. Wenn ich mich unter meinen Zeitgenossen umschaue, sehe ich überall Varianten einer blutleeren und etwas angegrauten Halblebigkeit. Es kommt mir vor, als führten die Menschen eine Art Secondhandexistenz. Oft schlägt mir eine gedrückte und missmutige Stimmung entgegen - bei allem offensichtlichen Aktionismus.

Selbst diejenigen, die im Beruf ihre Aufgabe gefunden haben, vegetieren in einer leicht durchschaubaren Pseudovitalität dahin. Manche versuchen, durch absurde Exzesse ihr Lebensgefühl zu steigern. Andere sind in ständiger Unruhe und verfallen einer sinnwidrigen Geschäftigkeit.

Ein öffentlich-rechtlicher TV-Sender gab im Jahr 2017 bekannt, dass ca. fünfzehn Millionen Erwachsene in Deutschland mehr oder weniger depressiv seien. Dazu kämen noch ca. fünf Millionen, die ihre Depression durch Nikotin-, Alkohol- und andere Süchte wegdrücken bzw. verheimlichen (meistens Männer).

Der Psychiater Michael Winterhoff diagnostiziert bei den rührigeren Exemplaren unserer Art so etwas wie „agitierte Depression“ (2009). Die „Agitation“ äußert sich häufig als unzufriedene Nörgelei von Wutbürgern, deren Empörung in sich zusammenfällt, sobald die Beseitigung ihres Anlasses zu viel kostet.

Außerdem: Wie soll man sich erklären, dass es Vielen von uns so schwerfällt, mit ganzer Seele und aus vollem Herzen heraus erwachsen zu sein? - - Vielleicht weil wir es niemals mit ganzer Seele und aus vollem Herzen heraus sein durften?- Ein beschwingter und optimistischer Entschluss dazu kam auf unserem Bildungsweg nicht vor. Er war von den bestallten Bildungsexperten nicht eingeplant, obwohl die jeden Entwicklungsschritt bis ins Kleinste schon vorbedacht hatten. Deshalb muss in unserer Zeit der freie Entschluss hin zum Erwachsensein durch einen obrigkeitlichen Beschluss ersetzt werden: Jeder wird nach Erreichen eines bestimmten Alters zum Erwachsenen gestempelt. Man macht kalendarisch Erwachsene aus den Menschen.

Die derart „erwachsen“ Gewordenen tragen ihren Status nun wie einen Orden, der ihnen an die Brust geheftet wurde. Man behandelt sie wie Kinder, die für eine Nichtigkeit (achtzehn oder einundzwanzig Jahre alt geworden zu sein) eine Belohnung erhalten. „Kein Wort im Evangelio ist mehr in unseren Tagen befolgt worden, als das WERDET WIE DIE KINDLEIN“, bemerkte der mit seinem Sarkasmus nicht gerade zimperliche Georg Christoph Lichtenberg vor über zweihundert Jahren. Johannes Beck (1994) spricht in anderem Zusammenhang von „Infantilisierung der Gesellschaft“.

So ist den meisten das Erwachsensein nur von außen angediehen. Das Berufsleben zwingt dann dazu, ein eher unzufriedenes Erwachsensein zu akzeptieren. Wie aufgesetzt wirkt das Verhalten von Leuten, die - nie wahrhaft erwachsen geworden - es nun auf Teufelkommheraus sein müssen, insbesondere die Schullehrer als Beispielgeber der Jugend oder die Politiker als „Repräsentanten des Volkes“. Sie geben sich reif und gesetzt, weil ihre gesellschaftliche Stellung und die entsprechende Rollenerwartung es ihnen abverlangt.

Eine weitere Erscheinung fällt ins Auge. Die heutige Form des Aufwachsens schafft dort, wo sie nicht geradezu Aggressivität hervorruft, die Mentalität von Versorgungsempfängern. Sie stärkt nicht, sie schwächt. Sie züchtet das Bedürfnis, Staatsbeamter, Pfarrer, Sozialarbeiter, Arzt, Apotheker (am Nabel der Staatskasse) oder ein sonstwie abgesicherter Bediensteter zu werden. Zu vermuten ist auch, dass diese Form einen Großteil der Versorgungsfälle der Randgesellschaften schafft, die dann ein zentral gelenktes System durchfüttern muss.

Das alles sind betrübliche Erscheinungen. Es sieht so aus, als stimme mit der Persönlichkeitsbildung in unserem Kulturkreis grundsätzlich etwas nicht. Es entwickeln sich im Zuge des Heranwachsens Seelenstrukturen, die offenbar nicht zur Natur des Menschen passen (dazu siehe vor allem Abschnitte B 1.4 f und C 3). Was also läuft schief bei der Entwicklung unseres Ich? - Man kann auf die Frage verschiedene Antworten geben und eine Reihe unterschiedlicher Gründe dafür ins Feld führen. Ich möchte hier nur denjenigen nachgehen, die das Zusammenspiel von Bildung und Freiheit bestimmen. Dabei mache ich auch auf die Untersuchungsergebnisse jener Theoretiker aufmerksam, die die Basis geschaffen haben für ein wahrhaft freies Bildungsverständnis. Sie haben Erkenntnisse geliefert, die sowohl für die Diagnose als auch für die Therapie des Bildungsbetriebs von großem Nutzen sind. So erhellend diese Erkenntnisse auch sind, sie haben weder im Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit noch der Bildungsveranstalter sichtbare Spuren hinterlassen.

Wenn es überhaupt so etwas wie Freiheitsbewusstsein in einer Gesellschaft gibt, dann muss sich das in der Form niederschlagen, in der Persönlichkeitsbildung stattfindet. Nun ereignet sich Persönlichkeitsbildung zu allen Zeiten und überall sowohl in eigens dafür geschaffenen Bildungseinrichtungen, als auch im Berufsleben, im Umgang mit Kindern, Ehepartnern, Freunden usw. Ich thematisiere in der vorliegenden Schrift nur die organisierten Wege der Persönlichkeitsbildung in eigens dafür geschaffenen Einrichtungen.

 

 

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