Vorbemerkungen zu den Protokollen der Aufklärung


 
Der Titel „Protokolle der Aufklärung“ ist eine Hommage an die klassische europäische Aufklärung, an die Zeit der Descartes, Bacon, Montesquieu, Locke, Berkeley, Voltaire, Rousseau, Hume, Kant und Stirner. Wer sich mit dieser Tradition näher beschäftigt hat, wird in den Protokollen manch Bekanntes wiederfinden.  
Radikale Aufklärung hat gemeinhin die Zerstörung fest verwurzelter Tabus zur Folge:  Vertraute Gewissheiten gehen verloren; Widersprüche treten ans Tageslicht; Unsicherheiten stellen sich ein. Solche Zerstörung muss in einer Zeit, die sich zugutehält, in allen Lebensbereichen „Emanzipation“ bewirken zu wollen, in Kauf genommen werden. Aber zum Trost der darüber Entrüsteten:  Jede Aussage – auch solche in Richtung Aufklärung – relativiert sich schon dadurch, dass sie nur eine subjektive Wahrheit verkündet. Dieses epistemologisch begründete Faktum sollte bei der Beurteilung der hier vorgestellten Untersuchungsergebnisse berücksichtigt werden.
Unsereins ist schon so oft mit groß aufgemachten Theorien beschallt worden, randvoll mit „objektiven Wahrheiten“, dass einem noch Jahre danach die Ohren klingen. Aber ihren Aussagensystemen läuft langsam der Markt davon. Das Zeitalter der „objektiven“ Wahrheiten scheint vorüber zu sein. Das wäre die Chance für das Erstarken der echten, der subjektiven Wahrheiten. – Vielleicht können solche Wahrheiten eines Tages auch zu intersubjektiven Wahrheiten werden, wie etwa manches mathematische oder physikalische Theorem. Darüber zu entscheiden, obliegt nicht ihren Verkündern. Mit den Aussagen in meinen Protokollen biete ich nichts anderes als eine subjektive Sicht der Dinge, dies auch deshalb, damit gegen die sog. „objektiven Sicht“ auch einmal eine subjektive, als befreiendes Pendant, öffentlich in Erscheinung tritt.  
Heutzutage fühlt man sich geradezu erdrückt von so viel „Objektivität“.  Was ist die „objektive Sicht der Dinge“? Wer bietet die „objektive Sicht der Dinge“? Wo ist die „objektive Sicht der Dinge?“ Bei der Suche nach der „objektiven Sicht der Dinge“ habe ich mir fast die Augen verdorben. Wo ich auch suchte und wohin ich auch sah, ich
stieß überall nur auf eine subjektive Sicht der Dinge. Die „objektive Sicht der Dinge“ muss ein gar lichtscheues Reh sein, wenn sie sich bisher so erfolgreich im Verborgenen halten konnte.  
Die soeben geäußerten, etwas provokanten Sätze sollen das Faktum der prinzipiellen Subjektgebundenheit menschlichen Erlebens, menschlichen Erkennens und menschlicher Aussagen in den Lichtkreis der Aufmerksamkeit rücken. Alle unsere Aussagen sind zunächst einmal subjektiv, selbst wenn sie sich als „objektive Wahrheiten“ gerieren oder wenn sie im Nachgang intersubjektive Zustimmung erlangen (und dann allgemein als „wahr“ gelten). Dieser Umstand wird bei der Darstellung und Bekanntgabe vieler Theorien gern vergessen, zumal man sich als Theoretiker auf einer Seinsebene wähnt, wo nur die „objektiven Wahrheiten“ zu gelten hätten.
Trotz des nur subjektiven Wahrheitsgehalts ihrer Aussagen sind die von mir verfassten „Protokolle“ Sachbücher. Die Sache, um die es dabei in erster Linie geht, ist die auf Freiheit bedachte Praxis ihres Autors (ein Teil dieser Praxis ist in dem biographischen Werk „Eine missratene Beziehung – Das Ich im Staate“ dokumentiert; 2007). Darin unterscheiden sich die Protokolle von vielen „normalen“ Sachbüchern. Diese beinhalten oft nur selbsterdachte Fiktionen, mit denen sie bis zur Dickleibigkeit gemästet sind. Ich denke hier vor allem an manches sozialwissenschaftliche Werk.
Jedes auf kritischer Analyse basierte Sachbuch zielt darauf, die Hirnstruktur seiner Leser ordnen bzw. verändern zu helfen. Meine „Protokolle“ tun das auf ihre Art:  Sie dokumentieren eine bestimmte historisch gewachsene Hirnstruktur, den momentanen Bewusstseinsstand eines real existierenden Subjekts. Ich glaube, dass es künftig verstärkt auch von anderen Autoren Sachbücher dieser Art geben wird, Bücher, die dezidiert im subjektiven Erleben verankert sind. Sie werden einen Damm bilden gegen die Flut der von den „Experten“ massenhaft produzierten Traktate, deren Theorietreiberei die Nähe zur wirklich erlebten Praxis nur vortäuscht. Sie dokumentieren oft nichts weiter als den aus der Existenzangst des Wissenschaftsbeamten geborenen Zwang zur Selbstverwirklichungskultur des geöffneten Mundes.
Die Protokolle wollen den Lesern helfen, sich und ihre Welt besser zu verstehen. Sie wollen helfen, den „Smog im Hirn“ (Claudio Hof
mann) zu beseitigen, der sich infolge des heute üblichen Wachstums und Entwicklungsgangs bei uns allen angehäuft hat. Wie fast alle meine Zeitgenossen bin ich in einem gesellschaftlichen Klima aufgewachsen, in dem man sein freies Ich nur heimlich entwickeln und leben konnte. Deshalb bin ich (wie viele Andere auch) freiheitsmäßig ziemlich verlottert. Die Protokolle dokumentieren meinen Versuch, aus diesem Zustand herauszukommen und mich konsequent und offen zu meinem Ich und seiner Freiheitsbegabung zu bekennen.  
Die Protokolle sind in einer Tetralogie zusammengefasst, d. h. in einer vierbändigen Reihe von Schriften. Sie behandeln ein einziges Thema:  Die Freiheit des Ich in der Gesellschaft und auch hier nur einige wesentlichen Aspekte (Persönlichkeitsbildung, Wirtschaft, Recht, Politik). Das Thema ist sehr komplex  viel zu komplex, als dass es in allen Details in vier Büchern abgehandelt werden könnte. Hier können nur Skizzen gezeichnet werden. Es fehlt ein bis ins Detail ausgearbeiteter Plan, der als konkrete Handlungsanleitung dienen könnte.  Auch sind in den Protokollen nicht die Untersuchungen selbst dargestellt und die vielen Irr und Nebenwege, die man bei einem solchen Vorhaben gehen muss. Ich konzentriere mich auf die Untersuchungsergebnisse.  
Der Inhalt der Protokolle erschließt sich erst dann vollständig, wenn die Leser den Sinn klar vor Augen haben, den ich mit den Begriffen Ich, Freiheit und Gesellschaft verbinde. Diesen Sinn expliziere ich in den Anhängen 1 bis 3 des ersten Bandes der Tetralogie. Dort finden die Leser die anthropologische Basis des Gesamtwerks. Auf die drei Anhänge beziehe ich mich häufig. Ihre Kenntnisnahme sei deshalb ausdrücklich empfohlen.
Anstelle von freier spreche ich auch oft von humaner bzw. von schlüssighuman organisierter Gesellschaft. Soll das Wort „Humanität“ überhaupt etwas Sinnvolles besagen, dann kann damit nur der Bezug zum real existierenden Ich (samt seiner Freiheitsbegabung!) gemeint sein. Dies gilt es vor allem Nachdenken über die Beziehung des Ich zum Du, also über das Wir, erst einmal festzuhalten. Ohne den nachdrücklichen IchBezug sind alle Humanitätsbekenntnisse nichts als großmäulige Sprüche, hohle Proklamationen und theoretisches Geplänkel.  
Schlüssighuman organisierte Gesellschaft meint:  Dem Ich sei ermöglicht, sich sein Verhältnis zu den Anderen (den Umständen entsprechend) so auszugestalten, wie es selbst dies will  allerdings ohne einem Du das gleiche Recht zu verwehren. Es geht um den frei gestalteten Umgang eines Ich mit seinem Gegenüber, insbesondere mit den Machthabern der Gesellschaft.  
Die in solchen Sätzen zum Ausdruck kommende Betonung des Ich bedeutet weder dessen Vergottung, noch die Verteufelung irgendwelcher Kollektivismen. Die Sätze drücken den Protest gegen jede Art vorgeschobener Souveränität aus. Früher hieß es:  der König ist der Souverän. Heute heißt es:  das „Volk“, die „solidarische Gemeinschaft“, „das Kollektiv“ oder dessen Vertretung in den Parlamenten seien der Souverän. Künftig wird man gelernt haben müssen, dass nur immer einem Ich, und zwar jedem einzelnen(!), Souveränität zugesprochen werden darf. Das Ich, dieses so leicht Dahingesagte und doch in seiner vollen Bedeutung so schwer zu Begreifende (s. Anhang 1 des ersten Bandes der Protokolle) ist der wahre und eigentliche Souverän. Diese Wahrheit kann neuerdings nur noch mühsam unter der Decke gehalten werden.
Bücher über die Gesellschaftlichkeit des Ich können nicht mehr hervorbringen als ein helleres Bewusstsein über sich selbst und über seine Lebensumstände. Keine noch so suggestive Aufklärungsschrift kann den Menschen  wesensmäßig ausgestattet mit einer Licht- und einer Schattenseite  zum strahlenden Halbgott machen. So sind die in den Protokollen vorgestellten Thesen zugeschnitten auf den Menschen, wie er nun einmal ist, auf den gewissermaßen „alten“ Menschen. Das ist jener Mensch, dessen zwiespältige Natur über die Jahrtausende hinweg die gleiche geblieben ist, nur dass er sich immer wieder in einer etwas unangenehmen Gemütslage befand, die auf Bereinigung drang. Das gilt besonders für alles, was mit Freiheit zu tun hat. Hier sehe ich, obwohl der Begriff „Freiheit“ in der Menschheitsgeschichte schon so oft thematisiert wurde, heute immer noch ein beachtliches Bewusstseinsdefizit. Der Mensch hat zwar die Freiheit schon in sich („Freiheitsbegabung“). Aber wir erleben ihn meist als „freiheitsträge“ (Mathias Döpfner).  
Die Protokolle bieten neben der Kritik am Bestehenden auch Inspirationen für Neues. Die Inspirationen verstehe ich ausdrücklich als Vorüberlegungen. Das besagt nichts darüber, ob sich dahinter nicht schon ein festgefügtes Weltbild verbirgt. Sollte dieser Eindruck entstehen, sehe ich keinen Grund, ihn zu verwischen. Weltbilder sind immer nur subjektbezogen. Sie bedrohen andere Weltbilder eigentlich nicht. Die Bedrohung geht von den darin verborgenen Widersprüchen aus. Damit machen sich die Weltbilder ganz von selbst die Hölle heiß.  Ein neues gesellschaftstheoretisches Konzept steht immer in der Gefahr, als schnell gefertigtes Kunststückchen abgetan zu werden. Dagegen kann es sich nur dadurch wappnen, dass es sich exzeptionell auf Beobachtung und Analyse gründet. Nun stammen die Beobachtungsdaten, die ich meinen Untersuchungen nur zugrunde legen konnte, aus dem Erleben der heutigen Form von Gesellschaftlichkeit. Wir haben momentan keine anderen. Meine Analysen gehen zwar von dieser Form aus, transzendieren sie aber auch. Will sagen:  die Gesellschaft wird nicht nur so beschrieben, wie sie nunmehr ist, sondern darüber hinaus auch so, wie sie bei einem gut funktionierenden zwischenmenschlichen Zusammenleben sein sollte. Bei der Analyse der gegebenen gesellschaftlichen Verhältnisse kristallisiert sich auch so etwas wie ein soziales Ideal heraus. Es erwächst ein Maßstab, der nicht nur hilft, gängige Meinungen über die Gesellschaft in Frage zu stellen, sondern auch Neues zu sehen und ungewohnte Perspektiven zu eröffnen. Untersuchungen dieser Art sind mühevoll und nicht jedermanns Sache. Meine übrigens auch nicht immer.
Es ist nützlich  nicht nur als Anregung für künftiges Denken und Handeln, sondern auch für das Beurteilen und Bewerten des Gegenwärtigen – einen auf Realität beziehbaren Maßstab zu haben. Um einen solchen handelt es sich hier. Dabei geht es vorerst um eine bloße Idee und nicht schon um einen festen Plan, in dem die Idee zu einer konkreten Vorstellung versinnlicht oder gar zu einer Handlungsanweisung verdichtet erscheint. Die Geburt einer Idee wird auch ohne dies ein wichtiger Schritt nach vorn sein können.  Ideen sensibilisieren die Menschen. Danach entfaltet sich ihre Wirkung auch ohne viel Zutun.  
Letztlich geht es immer darum:  Wie können die Pole Idealität und Realität einander näher gebracht werden? Dass beide gar eins werden, das hätten wir alle wohl gern. Aber noch jedes Abenteuer in diese Richtung hat mit einem schmerzhaften Schlag auf den Hinterkopf geendet. Eine Annäherung hingegen sollte uns erlaubt sein, damit die Ferne zwischen beiden Polen etwas kleiner und das Leben zwischen ihnen erträglicher wird.
Manche Leser müssen sich bei der Kenntnisnahme meiner Analyseergebnisse in eine ihnen fremde Welt hineindenken. Aber diese Welt ist nicht überall und jedem fremd. Viele ihrer Topoi finden sich  mehr oder weniger explizit – in den Werken anderer Autoren, vor allem in denen der Aufklärer. Ich habe deren Untersuchungsergebnisse, sofern sie auf Beobachtung und Analyse beruhen, in meinen Protokollen umfänglich berücksichtigt und häufig zitiert. Im Grunde sind meine Protokolle nichts anderes als eine Zusammenfassung des aufklärerischen Gedankenguts aus früherer und heutiger Zeit. Manchmal will mir scheinen, dass ich selbst nicht sehr viel Neues dazugetan habe. Ich überlasse es den Lesern, dies zu beurteilen. Außerdem:  Eine Explikation der Art, wie die hier beabsichtigte, ist zu vielschichtig, als dass man ihre Ergebnisse aus einem einzigen Bewusstsein hervorzaubern könnte.  
Der Freiheitsbegriff versetzt – streng genommen – in eine Welt, die für Viele von uns fremd ist. Wir führen das Wort „frei“ zwar gern im Munde. Aber wir sind uns der zuweilen auch harten Konsequenzen, die das radikale Einstehen für die Freiheit und die Verwirklichung eines freien Lebens haben, nicht immer bewusst. Die Konsequenzen erscheinen einem oft als bedrohlich. Dann flieht man schnell vor der Freiheit  hinein in Stallwärme und Sicherheit.  
Seit langem gibt es vage, zum Teil obskure Freiheitsvisionen. Den größten Bezug zur Realität hat immer noch die „klassische“, die die europäische Aufklärung erarbeitet hat. In meinen Protokollen will ich versuchen, dieser Vision Kontur zu verleihen. Dabei ergeben sich viele Parallelen vor allem zu den Spätschriften Immanuel Kants. Für Kant war Freiheit „seine wichtigste Denk und Lebensmaxime“ (Manfred Geier). Für diese Maxime nahm er persönliche Nachteile und Risiken in Kauf. Kant war es auch, der herausfand, dass es einer radikalen Verwandlung des Denkens bedarf (der von ihm sogenannten „Kopernikanische Wende“), um das Wesen der Freiheit umfänglich zu erfassen.  
Viele Grundfragen zum Verhältnis von Ich und Freiheit und von Ich und Gesellschaft sind schon von den Aufklärern in aller Schärfe gestellt und oft auch hinreichend stimmig beantwortet worden. Nun wird man nicht alles aus deren Theorien (auch nicht von Kant) übernehmen können. Die Darstellung meiner Untersuchungsergebnisse bietet auch Einsichten, die neu sind und die die Aufklärer nicht hatten. Nur ist das Neue gerade deshalb neu, weil es tief im Alten verwurzelt ist.  
In meinem Werk „Eine missratene Beziehung…“ ( s. o.) beschrieb ich am Beispiel meines eigenen Lebens die Behinderung der individuellen Lebensentfaltung durch die heutige Gesellschaft. Das erklärt die dort vorherrschende negative Grundstimmung. In den hier vorliegenden Protokollen geht es um Positives. An die Kritik des damaligen Werkes knüpfe ich zwar an. Im Vordergrund steht aber eine bejahende Vision, die Vision einer unverfälscht freien Gesellschaft.
Es sieht so aus, als würde das Mitleben innerhalb einer Gesellschaft von unsereinem im Großen und Ganzen als positiv empfunden. Denn kaum jemand macht Anstalten, die Gesellschaft zugunsten einer Robinsonade zu verlassen. Auch wenn wir es nicht ausdrücklich wissen oder wahrhaben wollen, bei aller Mäkelei über die Gesellschaft spüren wir doch:  das Leben inmitten anderer Menschen garantiert uns eine sowohl quantitativ als auch qualitativ bessere Eigenentfaltung als das Leben außerhalb. Und außerdem:  Das einsame menschliche Leben überdauert nicht einmal eine Generation. Ein Robinson  allein auf der Insel  stirbt aus. Die Gesellschaftlichkeit des Menschen, der zu lebende IchDuBezug, ist offenbar Naturgesetz. Zumindest spürt jedes Ich einen natürlichen Drang hin zum Du.
Wir flüchten also nicht, sondern bleiben und fechten den Kampf um Bewahrung und Steigerung von Eigenheit und Eigentum innerhalb der Gesellschaft aus. Wer hätte nicht die stille Hoffnung, die Möglichkeiten, die eine Gesellschaft bietet, zu einer immensen IchSteigerung zu nutzen, und sei es nur über einen Lottogewinn? Vor allem aber muss, so die Devise, „mit der Gesellschaft alles stimmen“. Jedenfalls ist es für das eigene Wohlbefinden vorteilhaft, eine gesellschaftliche Situation vorzufinden, die es dem Ich im Entwicklungsstadium voll ausgebildeten Bewusstseins leicht macht, dem Schicksal des Hineingeborenseins nachträglich seine Zustimmung zu geben.
Als Heilmittel zur Begradigung eines als gestört empfundenen Verhältnisses des freiheitsbegabten Ich zur Gesellschaft wird immer wieder angeboten:  das Weg vom Ich, das Hin zur Gemeinschaft, zum „Volk“, zum Kollektiv („Sozialität“, „Solidarität“). Das Verdienst, die Vergötterung des Kollektivs und die Verteufelung des seine Freiheit beanspruchenden Ich auf den Punkt gebracht zu haben, gebührt Adolf Hitler:  „Du bist nichts; dein Volk ist alles“. Gegen diesen heute noch feste beschworenen Holismus hat es das Ich nicht leicht. Es kann sich nur mühsam Reputation verschaffen. Nur langsam erobert es sich die Bühne gesellschaftstheoretischer Disputationen.
Beginnen wir  meine Leser und ich  doch einmal andersherum:  Setzen wir nicht die Gesellschaft, das Kollektiv, das Volk, sondern das Ich, das Individuum, als oberste Bezugsgröße an und versuchen von hier aus Gesellschaftlichkeit mit all ihren Vorzügen und Nachteilen zu begreifen. Solche Umkehr der Sicht liegt nicht so ferne vom Natürlichen, als dass wir uns mühevoll darin einüben müssten. Zumindest sollte ein gesellschaftstheoretisches Experiment vor diesem Hintergrund möglich sein. Vielleicht führt das Experiment zu Ergebnissen, mit denen wir besser zurechtkommen als mit dem Gewohnten. Vielleicht erwächst daraus die Chance, den gesellschaftlichen Angelegenheiten einen erfreulicheren Farbton zu geben, im Unterschied zur jetzigen, etwas verzopften Gemeinschaftsfrömmelei.  
In den Protokollen stelle ich meinen Versuch vor, vom freiheitsbegabten Ich aus eine zu diesem passende gesellschaftliche Organisationsform zu entwickeln. Der Versuch hat zu manch ungewöhnlichem Ergebnis geführt. An den Lesern ist es nun, zu beurteilen, ob die Ergebnisse ihnen brauchbare Einsichten liefern und ob sie dadurch zu einer Weltsicht gelangen, mit der sie besser zurechtkommen als mit der bisherigen.  
Die Utopisten leben davon, dass sie uns mit aufwendig ausgeschmückten Fetischgesellschaften zu begeistern suchen. Die in meinen Protokollen vorgestellten Visionen nehmen sich demgegenüber geradezu prosaisch aus. Dies schon deshalb, weil sie nicht den Anspruch erheben, gesellschaftsverändernd, sondern nur aufklärend und bewusstseinsbildend zu wirken. Das erfordert hin und wieder einen
Rückgang in die Tradition, aber nicht im Sinne eines kruden Konservativismus, sondern im Sinne eines Zurück an die Quellen menschlicher Welthabe. Denn in mancher Überlieferung ist das Sprudeln dieser Quellen deutlich zu hören.
Die Defizite heutiger Gesellschaftlichkeit sind offensichtlich. Den Eliten in Wissenschaft und Medien sind sie nicht fremd. Nur macht es angesichts der Überfälligkeit von Änderungen wenig Sinn, die Aufmerksamkeit immer nur auf die Mängel zu richten, so wie das zumeist geschieht. Hilfreicher ist es, die Diskussion vor allem der sozialen Grundfragen wieder zu beleben. Nur so können Maßstäbe gefunden werden, die menschengerechter und vor allem auch menschenwürdiger sind als jene, die die heutige Praxis bestimmen.  
Die von mir vorgetragenen Thesen werden nicht den Weg in jedes Herz finden. Manche meiner Aussagen liegen derart ferne vom Zeitgeist, dass es eine Lesergemeinde, die sich dafür begeistert, schwer haben wird, gebührend Anerkennung durch die Öffentlichkeit zu erlangen. Solange Wohlfühlformeln und verwegene Ideologien die Oberhand im allgemeinen Bewusstsein haben, hat Aufklärung kaum eine Chance. Aber ich bin guter Dinge. Dem Allgemeinbewusstsein geht langsam die Luft aus. Ihm gelingt es immer weniger, die Wirklichkeit durch seine Scheingebilde zu verdecken.  
Nicht alle hier vorgetragenen Untersuchungsergebnisse sind leicht eingängig, vor allem die in den oben erwähnten drei Anhängen des ersten Bandes nicht. Durch Verweis auf nachvollziehbare Beobachtungen, systematische Darstellung und mannigfachen Gebrauch von Redundanzen versuche ich, das Verstehen jener Textpassagen zu erleichtern, die Ungewohntes präsentieren. Jedenfalls habe ich mich bemüht, die nicht immer leicht zu erfassenden Inhalte auf ein verständliches Niveau herunterzubrechen.
Die Protokolle bieten nichts Endgültiges. Sie verstehen sich als Beitrag zu einem intersubjektiven Gedankenaustausch, den ich hoffe, damit anstoßen zu können. Ich bin fest davon überzeugt, dass es Leute gibt, die über das vorliegende Thema bessere Bücher schreiben können als ich. Außerdem:  Eine Explikation der Art, wie die hier beabsichtigte, ist zu vielschichtig, als dass man ihre Ergebnisse aus einem einzigen Bewusstsein hervorzaubern könnte. Die Lösung des Prob
lems „Freiheit des Ich in der Gesellschaft“ ist eine Aufgabe, die unser Geistesvermögen immer auch ein wenig übersteigt und wo wir bereit sein müssen, das Risiko des Irrtums auf uns zu nehmen.  
Oben hatte ich schon angedeutet:  Die Protokolle verdanken ihre Entstehung nicht nur meinen eigenen Untersuchungen. Sehr einflussreich auf meine Arbeit waren die Untersuchungsergebnisse Anderer. Ich habe viele Gespräche geführt  nicht nur mit meinen Zeitgenossen, sondern auch mit jenen Verstorbenen, die ihre Forschungsergebnisse aufgeschrieben haben. Ich habe deshalb allen Grund, diesen Autoren zu danken. Ich tue das dadurch, dass ich sie in meinen Texten umfänglich zu Wort kommen lasse. Vor allem älteren Autoren gewähre ich viel Raum. Ihre Aussagen sind nach wie vor aktuell, heute aktueller denn je. Vielleicht kann ich die eine oder andere Argumentationslücke in ihren Schriften schließen – aufgrund eigener Beobachtungen und Analysen.  
Ich behalte mir vor, die in den Protokollen formulierten Thesen als seriöse Forschungsergebnisse gelten zu lassen, und zwar so lange, bis sie jemand begründet widerlegt. Auch wenn sie nicht bei jedem Zustimmung finden, sollten sie doch den Blick schärfen für die Defizite der gegenwärtigen gesellschaftlichen Situation und einen Ausblick bieten auf Neues. Das erfordert an einigen Textstellen das Verwerfen überkommener Vorstellungen, an anderen deren Radikalisierung.
Aber auch ohne dies:  Die Aussagen zum vorliegenden Problemkreis – ob von Anderen oder von mir  sollten sich wegen der Ernsthaftigkeit des Gegenstands stets unnachgiebiger Kritik stellen. Ich selbst werde, solange ich noch geistig wach bin, mich daran beteiligen. Und ich bin jedem dankbar, der mit vollem Einsatz mit dabei ist. Meine Dankbarkeit gilt übrigens auch jenen, deren Ansichten ich in den Protokollen widerspreche. Denn auch sie haben – wenn zwar nur indirekt – wertvolle Anregungen und Denkanstöße gegeben.
Wie jeder Sachbuchautor, der in die Jahre gekommen ist, habe ich eine Fülle von Literatur studiert. In den Literaturverzeichnissen der Protokolle sind aber nur die Werke aufgeführt, die ich im Text zitiere.

 

 

 

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