Anmerkungen zu den Protokollen der Aufklärung

Die „Protokolle der Aufklärung“ sind zu einer Tetralogie zusammengefasst, d. h.zu einer vierbändigen Reihe von Schriften. Sie behandeln ein einziges Thema:Die Freiheit des Ich in der Gesellschaft und auch hier nur einige wesentlichePunkte: Persönlichkeitsbildung, Wirtschaft, Recht und Politik. Das Thema ist zukomplex, als dass es in allen Details in vier Büchern abgehandelt werden könnte.Ich zeichne nur Skizzen. Auch sind nicht die Untersuchungen selbst dargestellt unddie vielen Irr- und Nebenwege, die man bei einem solchen Vorhaben gehen muss.Ich beschränke mich auf die Mitteilung der Untersuchungsergebnisse.
Der Inhalt der Protokolle erschließt sich erst vollständig, wenn man den Sinn klar vor Augen hat, den ich mit den eben erwähnten Begriffen „Freiheit“, „Ich“ und „Gesellschaft“ verbinde. Ich expliziere ihn in den Anhängen 1 und 2 des ersten Bandes der Protokolle. Dort finden die Leser die anthropologische Basis für das (vierbändige) Gesamtwerk. Auf die zwei Anhänge beziehe ich mich oft. Ihre Kenntnisnahme sei deshalb ausdrücklich empfohlen.
Das methodische Fundament für das Vorgehen in den Untersuchungen finden die Leser in meinen drei Büchern zur Erkenntnistheorie („Konstitutionsanalyse“, „Welt und Weltverstehen“ und „Theorie und Phänomenadäquanz“). Dies wird unter anderem darin sichtbar, dass ich bei der jeweiligen Darstellung eine Axiomatik verwende, d. h. ich gehe von Grundbegriffen und Grundsätzen aus, vor allem in den Werken zur Wirtschaft und zum Recht. Das erleichtert es den Lesern, den naturgewachsenen Charakter dieser beiden Lebensbereiche und die heute dort vorhandenen Defizite zu verstehen.
Eine Gesellschaft, die der Freiheit des Ich Raum gibt, kann man „freie Gesellschaft“ nennen (obwohl Freiheit eigentlich immer nur einem Ich zugesprochen werden kann! s. Protokolle Bd. 1, Anhang 1 und 2). Anstelle von freier spreche ich oft auch von humaner bzw. von schlüssighuman organisierter Gesellschaft. Soll das Wort „Humanität“ überhaupt etwas Sinnvolles besagen, dann kann damit nur der Bezug zu einem real existierenden Menschen, also zu einem bestimmten Ich, gemeint sein. Dies gilt es vor allem Nachdenken über die Beziehung des Ich zum Du, also über das Wir, erst einmal festzuhalten. Ohne den nachdrücklichen Ich-Bezug sind alle Humanitätsbekenntnisse nichts als großmäulige Sprüche und hohle Proklamationen.
Schlüssighuman organisierte Gesellschaftlichkeit meint: Dem Ich sei ermöglicht, sich sein Verhältnis zu den Anderen (den Umständen entsprechend) so zu gestalten, wie es selbst dies will - allerdings ohne einem Anderen das gleiche Recht zu verwehren. Es geht um den freien Umgang eines Ich mit dem Du, insbesondere mit den Machthabern der Gesellschaft.
Die in solchen Sätzen zum Ausdruck kommende Betonung des Ich bedeutet weder dessen Vergottung, noch die Verteufelung irgendwelcher Kollektivismen. Die Sätze drücken lediglich den Protest gegen jede Art vorgeschobener Souveränität aus. Früher hieß es: der König ist der Souverän. Heute heißt es: das „Volk“, die „solidarische Gemeinschaft“, „das Kollektiv“ oder dessen Vertretung in den Parlamenten sind der Souverän. Künftig wird man gelernt haben müssen, dass nur immer einem Ich, und zwar jedem einzelnen(!), Souveränität zugesprochen werden darf. Das Ich, dieses so leicht Dahingesagte und doch in seiner vollen Bedeutung so schwer zu Begreifende (siehe Protokolle Bd. 1, Anhang 1) ist der wahre und eigentliche Souverän. Diese Wahrheit kann heute nur noch mühsam unter der Decke gehalten werden.
Die vier Bücher der Tetralogie sind ausdrücklich unter dem Titel „Protokolle der Aufklärung“ zusammengefasst. Aufklärung hat gemeinhin die Zerstörung fest verwurzelter Tabus zur Folge: Vertraute Gewissheiten gehen verloren; Widersprüche treten zutage; Unsicherheiten stellen sich ein. Solche Folgen müssen zu einer Zeit, die sich zugutehält, in allen Lebensbereichen „Emanzipation“ bewirken zu
wollen, in Kauf genommen werden. Aber zum Trost der darüber Entrüsteten: Jede Aussage - auch solche in Richtung Aufklärung - relativiert sich schon dadurch, dass sie keine objektive, sondern nur eine subjektive Wahrheit verkündet. Dieses erkenntnistheoretisch begründbare Faktum sollte bei der Beurteilung der hier vorgestellten Untersuchungsergebnisse berücksichtigt werden.
Heutzutage fühlt man sich geradezu erdrückt von so viel „Objektivität“. Unsereins ist schon so oft mit groß aufgemachten Theorien beschallt worden, randvoll mit „objektiven Wahrheiten“, dass einem noch Jahre danach die Ohren klingen. Aber ihren Aussagensystemen läuft langsam der Markt davon. Das Zeitalter der „objektiven Wahrheiten“ scheint vorüber zu sein. Das wäre die Chance für das Erstarken der echten, der subjektiven Wahrheiten. Vielleicht können solche Wahrheiten eines Tages zu intersubjektiven Wahrheiten werden, wie etwa manches mathematische oder physikalische Theorem. Darüber zu befinden, obliegt nicht ihren Verkündern.
Was ist die „objektive Sicht der Dinge“? Wer hat die „objektive Sicht der Dinge“? Wo ist die „objektive Sicht der Dinge?“ Bei der Suche nach der „objektiven Sicht der Dinge“ habe ich mir fast die Augen verdorben. Wo ich auch suchte und wohin ich auch sah, ich stieß überall nur auf eine subjektive Sicht der Dinge. Die „objektive Sicht der Dinge“ muss ein gar lichtscheues Reh sein, wenn sie sich bisher so erfolgreich im Verborgenen halten konnte. Mit den Aussagen in meinen Protokollen biete ich nichts anderes als eine subjektive Sicht der Dinge, dies schon deshalb, damit gegen die vielen sogenannten „objektiven“ Sichten auch einmal eine subjektive, als befreiendes Pendant, öffentlich in Erscheinung tritt.
Die soeben geäußerten, einigermaßen provokanten Sätze sollen das Faktum prinzipieller Subjektgebundenheit menschlichen Erlebens, menschlichen Erkennens und menschlicher Aussagen in den Lichtkreis der Aufmerksamkeit rücken. Alle unsere Aussagen sind zunächst einmal subjektiv, selbst wenn sie sich als „objektive Wahrheiten“ gerieren oder wenn sie im Nachgang intersubjektive Zustimmung erlangen (und dann allgemein als „wahr“ gelten). Dieser Umstand wird bei der Darstellung und Bekanntgabe vieler Theorien gern übersehen, zumal man sich als Theoretiker oft auf einer Seinsebene wähnt, wo nur die „objektiven Wahrheiten“ zu gelten hätten.
Trotz des nur subjektiven Wahrheitsgehalts ihrer Inhalte sind die Protokolle faktenbezogene Sachbücher. Die Sache, um die es dabei geht, ist die auf Freiheit bedachte Praxis ihres Autors (ein Teil dieser Praxis ist in dem biographischen Werk „Eine missratene Beziehung – Das Ich im Staate“ dokumentiert; 2007). Darin unterscheiden sich die Protokolle von vielen „normalen“ Sachbüchern. Diese beinhalten oft nur selbsterdachte Fiktionen, mit denen sie bis zur Dickleibigkeit gemästet sind. Ich denke hier vor allem an manche sozialwissenschaftlichen Werke (s. Anhang 4 der Protokolle Bd. 1).
Die Protokolle wollen den Lesern helfen, sich und ihre Welt besser zu verstehen. Sie wollen helfen, den „Smog im Hirn“ (Claudio Hofmann, 1983) zu beseitigen, der sich infolge des heute üblichen Wachstums- und Entwicklungsgangs bei uns allen angehäuft hat. Wie viele meiner Zeitgenossen bin auch ich in einem gesellschaftlichen Klima aufgewachsen, in dem man die Freiheitsbegabung seines Ich nur heimlich entwickeln und ausleben konnte. Deshalb bin ich - wie viele Andere auch - freiheitsmäßig ziemlich verlottert. Die Protokolle dokumentieren den Versuch, aus diesem Zustand herauszukommen und mich konsequent und offen zu meinem Ich und seiner Freiheit zu bekennen.
Jedes auf Beobachtung und kritische Analyse basierte Sachbuch zielt darauf, die Hirnstruktur seiner Leser ordnen bzw. verändern zu helfen. Meine Protokolle tun das auf ihre Art: Sie dokumentieren eine bestimmte historisch gewachsene Hirnstruktur, den momentanen Bewusstseinsstand eines real existierenden Subjekts. Ich glaube, dass es künftig verstärkt auch von anderen Autoren Sachbücher dieser Art geben wird, Bücher, die dezidiert im subjektiven Erleben verankert sind. Sie werden einen Damm bilden gegen die Flut der von den „Experten“ massenhaft
produzierten Traktate, deren Theorietreiberei die Nähe zur wirklich gelebten Praxis nur vortäuscht. Sie dokumentieren oft nichts anderes als den aus der Existenzangst des Wissenschaftsbeamten geborenen Zwang zur Selbstverwirklichungskultur des geöffneten Mundes.
Die dem Inhalt der Protokolle ursprünglich zugrunde liegenden Untersuchungen zielen in erster Linie darauf, ein „stilles Potential“ zu erarbeiten und Material zu sammeln und erst in zweiter Linie auf die Erstellung einer Praxisstrategie. Für eine wahrhaft freie Lebenspraxis des gesellschaftlich eingebundenen Ich muss also weitere Vorarbeit geleistet werden. Es fehlt ein bis ins Einzelne ausgearbeiteter Plan. Dem nur vorbereitenden Charakter meiner theoretischen Bemühungen widerspricht nicht, dass sie auf Praktikabilität aus sind. Ein ausgereiftes Handlungskonzept ist jedoch nicht zu erwarten, vielleicht einige Schritte in diese Richtung. Wir sind längst nicht am Ziel.
Bücher über die Gesellschaftlichkeit des Ich können den Charakter der Menschen nicht ändern. Sie können höchstens ein helleres Bewusstsein beim Individuum hervorbringen - über sich und seine Lebensumstände. Keine noch so suggestive Aufklärungsschrift kann den Menschen - wesensmäßig ausgestattet mit einer Licht- und einer Schattenseite - zum strahlenden Halbgott machen. So sind die in den Protokollen vorgestellten Thesen zugeschnitten auf den Menschen, wie er nun einmal ist, auf den gewissermaßen „alten“ Menschen. Das ist jener Mensch, dessen zwiespältige Natur über die Jahrtausende hinweg die gleiche geblieben ist, nur dass er sich immer wieder in einer etwas unangenehmen Gemütslage befindet, die auf Bereinigung drängt.
Die Protokolle bieten neben der Kritik am Bestehenden auch Inspiration für Neues. Ich verstehe sie ausdrücklich als Vorüberlegungen. Das besagt nichts darüber, ob sich dahinter nicht schon ein festgefügtes Weltbild verbirgt. Sollte dieser Eindruck entstehen, sehe ich keinen Grund, ihn zu verwischen. Weltbilder sind immer nur subjektbezogen. Sie bedrohen andere Weltbilder nicht eigentlich. Die Bedrohung geht von anderem aus: von den darin verborgenen Widersprüchen. Damit machen sich die Weltbilder - auch ohne Bedrohung von außen - ganz von selbst die Hölle heiß.
Ein neues gesellschaftstheoretisches Konzept steht immer in der Gefahr, als schnell gefertigtes Kunststückchen abgetan zu werden. Dagegen kann es sich nur dadurch wappnen, dass es sich exzeptionell auf Beobachtung und Analyse gründet. Nun stammen die Beobachtungsdaten, die ich meinen Untersuchungen nur zugrunde legen konnte, aus heute gelebter Gesellschaftlichkeit. Wir haben momentan keine anderen. Meine Untersuchungen gehen zwar von solchen Daten aus, transzendieren sie aber auch. Will sagen: die Gesellschaft wird nicht nur so beschrieben, wie sie nun einmal ist, sondern darüber hinaus auch so, wie sie bei einem gut funktionierenden freien zwischenmenschlichen Zusammenleben sein sollte. Bei der Analyse der gegebenen gesellschaftlichen Verhältnisse kristallisiert sich so etwas wie ein soziales Ideal heraus. Es erwächst ein Maßstab, der nicht nur hilft, gängige Meinungen über die Gesellschaft in Frage zu stellen, sondern auch Neues zu sehen und ungewohnte Perspektiven zu eröffnen. Untersuchungen dieser Art sind mühevoll und nicht jedermanns Sache. Meine übrigens auch nicht immer.
Nicht nur als Anregung für künftiges Denken und Handeln, sondern auch für das Beurteilen und Bewerten des Gegenwärtigen ist es nützlich, einen auf Realität beziehbaren Maßstab zu haben. Um einen solchen handelt es sich hier. Dabei geht es vorerst um eine bloße Idee und nicht schon um einen festen Plan, in dem die Idee zu einer konkreten Vorstellung versinnlicht oder gar zu einer Handlungsanweisung verdichtet erscheint. Die Geburt einer Idee wird auch ohne dies ein wichtiger Schritt nach vorn sein können. Ideen sensibilisieren die Menschen. Danach entfaltet sich ihre Wirkung auch ohne viel Zutun. Das gilt besonders dort, wo die Freiheit tangiert ist.
Letztlich geht es immer darum: Wie können die Pole Idealität und Realität einander nähergebracht werden? Dass beide gar eins werden, das hätten wir alle
wohl gern. Aber noch jedes Abenteuer in diese Richtung hat mit einem schmerzhaften Schlag auf den Hinterkopf geendet. Eine Annäherung hingegen sollte erlaubt sein, damit die Ferne zwischen beiden etwas kleiner und das Leben zwischen ihnen erträglicher wird.
In meinem Werk „Eine missratene Beziehung…“ (s. o.) beschrieb ich am Beispiel meines eigenen Lebens die Behinderung der individuellen Lebensentfaltung durch die heutige Gesellschaft. Das erklärt die dort vorherrschende negative Grundstimmung. In den hier vorgestellten Protokollen geht es vorrangig um Positives. An die Kritik des damaligen Werkes knüpfe ich zwar an und führe sie weiter Im Vordergrund steht aber eine bejahende Vision, die Vision einer unverfälscht freien Gesellschaft.
Es sieht so aus, als würde das Mitleben in einer Gesellschaft von unsereinem im Großen und Ganzen als positiv empfunden. Denn kaum jemand macht Anstalten, die Gesellschaft zugunsten einer Robinsonade zu verlassen. Auch wenn wir es nicht ausdrücklich wissen oder wahrhaben wollen, bei aller Mäkelei über die Gesellschaft spüren wir doch: das Leben inmitten anderer Menschen garantiert uns eine sowohl quantitativ als auch qualitativ bessere Eigenentfaltung als das Leben außerhalb. Und außerdem: Das einsame menschliche Leben überdauert nicht einmal eine Generation. Ein Robinson - allein auf der Insel - stirbt aus. Die Gesellschaftlichkeit des Menschen, der zu lebende Ich-Du-Bezug, ist offenbar Naturgesetz. Zumindest spürt jedes Ich einen natürlichen Drang hin zum Du.
Wir flüchten also nicht, sondern bleiben und fechten den Kampf um Bewahrung und Steigerung von Eigentum und Eigenheit innerhalb der Gesellschaft aus. Wer hätte nicht die stille Hoffnung, die Möglichkeiten, welche die Gesellschaft bietet, zu einer immensen Ich-Steigerung zu nutzen, und sei es nur über einen Lottogewinn? Vor allem aber muss, so die Devise, „mit der Gesellschaft alles stimmen“. Jedenfalls ist es für das eigene Wohlbefinden vorteilhaft, eine gesellschaftliche Situation vorzufinden, die es dem Ich im Entwicklungsstadium voll ausgebildeter Bewusstheit leicht macht, dem Schicksal des Hineingeborenseins nachträglich seine Zustimmung zu geben.
Als Heilmittel zur Begradigung eines als gestört empfundenen Verhältnisses von Ich und Gesellschaft wird immer wieder angeboten: das Weg vom Ich, das Hin zum „Volk“, zum „Kollektiv“, zur „Solidargemeinschaft“. Jacques Rancière spricht von „Religion der Gemeinschaft“. Das Verdienst, die Vergötterung des Kollektivs und die Verteufelung des seine Freiheit suchenden Ich auf den Punkt gebracht zu haben, gebührt Adolf Hitler: „Du bist nichts; dein Volk ist alles“. Gegen diesen noch heute feste beschworenen Holismus hat es das Ich nicht leicht. Es kann sich nur mühsam Reputation verschaffen. Nur langsam erobert es sich die Bühne gesellschaftstheoretischer Disputation.
Beginnen wir - meine Leser und ich - doch einmal andersherum: Setzen wir nicht die Gesellschaft, das Kollektiv, das Volk, sondern das Ich, das Individuum, als oberste Bezugsgröße an und versuchen von hier aus Gesellschaftlichkeit zu begreifen. Solche Umkehr der Sicht liegt nicht so fern vom Natürlichen, als dass wir uns mühevoll darin einüben müssten. Zumindest sollte ein gesellschaftstheoretisches Experiment vor diesem Hintergrund möglich sein. Vielleicht führt das Experiment zu Ergebnissen, mit denen wir besser zurechtkommen als mit dem Gewohnten. Vielleicht erwächst daraus die Chance, den gesellschaftlichen Angelegenheiten einen erfreulicheren Farbton zu geben - im Unterschied zur jetzigen, etwas verzopften Gemeinschaftsfrömmelei.
In den Protokollen stelle ich meinen Versuch vor, vom freiheitsbegabten Ich ausgehend, eine passende gesellschaftliche Organisationsform zu entwickeln. Der Versuch hat zu manch ungewöhnlichen Ergebnissen geführt. An den Lesern ist es nun, zu beurteilen, ob die Ergebnisse ihnen brauchbare Einsichten liefern und ob sie dadurch zu einer Weltsicht gelangen, mit der sie besser zurechtkommen als mit der bisherigen.
Die Utopisten leben davon, dass sie uns mit aufwendig ausgeschmückten
Fetischgesellschaften begeistern. Die in meinen Protokollen vorgestellte Vision nimmt sich demgegenüber geradezu prosaisch aus. Dies schon deshalb, weil sie nicht den Anspruch erhebt, gesellschaftsverändernd, sondern nur aufklärend und bewusstseinsbildend zu wirken. Das erfordert hin und wieder einen Rückgang in die Tradition. Dies aber nicht im Sinne eines kruden Konservativismus, sondern im Sinne eines Zurück an die Quellen menschlicher Welthabe und menschlichen Weltverständnisses. In mancher Überlieferung ist das Sprudeln dieser Quellen deutlich zu hören.
Die Defizite heutiger Gesellschaftlichkeit sind offensichtlich. Auch den Eliten in Wissenschaft und Medien sind sie nicht fremd. Nur macht es angesichts der Überfälligkeit von Änderungen wenig Sinn, die Aufmerksamkeit immer nur auf die Mängel zu richten, so wie das zumeist geschieht. Hilfreicher ist es, die Diskussion vor allem der sozialen Grundfragen wieder zu beleben. So können Maßstäbe gefunden werden, die menschengerechter und vor allem auch menschenwürdiger sind als jene, welche die heutige gesellschaftliche Praxis leiten.
Manche Leser müssen sich bei der Kenntnisnahme meiner Thesen in eine ihnen fremde Welt hineindenken. Aber diese Welt ist nicht überall und jedem fremd. Viele ihrer Topoi finden sich - mehr oder weniger explizit – in den Werken anderer Autoren, vor allem in denen der Aufklärer. Der Titel „Protokolle der Aufklärung“ ist eine Hommage an die klassische europäische Aufklärungsepoche, an die Zeiten der Descartes, Bacon, Montesquieu, Locke, Berkeley, Voltaire, Rousseau, Hume, Kant. Wer sich mit dieser Tradition näher beschäftigt hat, wird in den Protokollen manch Bekanntes wiederfinden.
Ein rigoroser Freiheitsbegriff versetzt – strenggenommen – in eine Welt, die für Viele von uns fremd ist. Wir führen das Wort „frei“ zwar gern im Munde. Aber wir sind uns der zuweilen auch harten Konsequenzen, die das radikale Einstehen für die Freiheit und die Verwirklichung eines freien Lebens haben, nicht immer bewusst. Die Konsequenzen erscheinen oft als bedrohlich. Dann fliehen wir schnell vor der Freiheit - hinein in Stallwärme und Sicherheit. Noch gilt das Wort des Jean Paul Sartre: „Freiheit ist ein Gut, dessen Anwesenheit weniger Vergnügen bereitet, als seine Abwesenheit Schmerzen“.
Seit langem gibt es vage, zum Teil obskure Freiheitsvisionen. Den größten Bezug zur Realität hat immer noch die „klassische“, die die europäische Aufklärung erarbeitet hat. In meinen Protokollen will ich versuchen, dieser Vision Kontur zu verleihen. Dabei ergeben sich viele Parallelen vor allem zu den Spätschriften Immanuel Kants. Für Kant war Freiheit „seine wichtigste Denk- und Lebensmaxime“ (Manfred Geier, 2013). Für die Freiheit nahm er persönliche Nachteile und Risiken in Kauf. Kant war es auch, der herausfand, dass es einer radikalen Verwandlung des Denkens bedarf, um das Wesen der Freiheit umfänglich zu erfassen.
Viele Grundfragen zum Verhältnis von Ich und Freiheit und von Ich und Gesellschaft sind schon von den Aufklärern in aller Schärfe gestellt und oft auch stimmig beantwortet worden. Nun wird man aber nicht alles von deren Lehren (auch nicht von Kant) übernehmen können. Die Darstellung meiner Untersuchungsergebnisse bietet auch Einsichten, die neu sind und die die Aufklärer nicht hatten. Nur ist das Neue gerade deshalb neu, weil es tief im Alten verwurzelt ist.
Die in den Protokollen vorgetragenen Thesen werden nicht den Weg in jedes Herz finden. Manche liegen derart ferne vom Zeitgeist, dass es eine Lesergemeinde, die sich dafür begeistert, schwer haben wird, gebührend Anerkennung durch die Öffentlichkeit zu erlangen. Solange sich Wohlfühlformeln und verwegene Ideologien im allgemeinen Bewusstsein breit machen, hat Aufklärung keine Chance. Aber ich bin guter Dinge. Dem Allgemeinbewusstsein geht langsam die Luft aus. Ihm gelingt es immer weniger, die Wirklichkeit durch seine Scheingebilde zu erdrücken.
Nicht alle hier vorgetragenen Untersuchungsergebnisse sind leicht eingängig, vor allem nicht die in den oben erwähnten Anhängen des ersten Bandes. Durch Verweis auf nachvollziehbare Beobachtungen, systematische Darstellung und
mannigfachen Gebrauch von Redundanzen versuche ich, das Verstehen jener Textpassagen zu erleichtern, die Ungewohntes präsentieren. Jedenfalls habe ich mich bemüht, die nicht immer leicht zu erfassenden Inhalte auf ein verständliches Niveau herunterzubrechen.
Die Protokolle bieten nichts Endgültiges. Sie verstehen sich als Beitrag zu einem intersubjektiven Gedankenaustausch. Den hoffe ich, damit anstoßen zu können. Ich bin fest davon überzeugt, dass es Leute gibt, die über das vorliegende Thema bessere Bücher schreiben können als ich. Außerdem: Die Lösung des Problems „Freiheit des Ich in der Gesellschaft“ ist eine Aufgabe, die unser Geistesvermögen immer auch ein wenig übersteigt und wo wir bereit sein müssen, das Risiko des Irrtums auf uns zu nehmen.
Oben hatte ich schon angedeutet: Die Protokolle verdanken ihre Entstehung nicht nur meinen eigenen Untersuchungen. Sehr einflussreich auf meine Arbeit waren die Untersuchungsergebnisse Anderer. Eine Explikation der Art, wie die hier beabsichtigte, ist zu vielschichtig, als dass man ihre Ergebnisse aus einem einzigen Kopf hervorzaubern könnte. Ich habe viele Gespräche geführt - nicht nur mit meinen Zeitgenossen, sondern auch mit jenen Verstorbenen, die ihre Forschungsergebnisse aufgeschrieben haben. Ich habe deshalb allen Grund, diesen Menschen zu danken. Ich tue das dadurch, dass ich sie in meinen Texten umfänglich zu Wort kommen lasse. Vor allem älteren Autoren gewähre ich viel Raum. Ihre Aussagen sind nach wie vor aktuell, heute aktueller denn je. Vielleicht kann ich die eine oder andere Argumentationslücke in ihren Schriften schließen  aufgrund eigener Beobachtungen und Analysen. Meine Dankbarkeit gilt übrigens auch jenen, deren An-sichten ich in den Protokollen widerspreche. Denn auch sie haben – wenn zwar nur indirekt - wertvolle Anregungen und Denkanstöße gegeben.
Ich behalte mir vor, die in den Protokollen formulierten Thesen als seriöse Forschungsergebnisse gelten zu lassen, und zwar so lange, bis sie jemand begründet widerlegt. Auch wenn sie nicht bei jedem Zustimmung finden, sollten sie doch den Blick schärfen für die Defizite der gegenwärtigen gesellschaftlichen Situation und einen Ausblick bieten auf Neues. Das erfordert bei einigen Textstellen das Verwerfen überkommener Vorstellungen, bei anderen deren Radikalisierung. Aber auch ohne dies: Die Aussagen zum vorliegenden Problemkreis – ob von Anderen oder von mir - sollten sich wegen der Ernsthaftigkeit des Gegenstands stets unnachgiebiger Kritik stellen. Ich selbst werde, solange ich noch geistig wach bin, mich daran beteiligen. Und ich bin jedem dankbar, der mit vollem Einsatz mit dabei ist.
Wie jeder Sachbuchautor, der in die Jahre gekommen ist, habe ich eine Fülle von Literatur studiert. In den Literaturverzeichnissen der Protokolle sind aber nur jene Werke aufgeführt, die ich im Text zitiere.

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© Dietrich Eckardt – freier Autor