Was ist Geld

Der Geldbegriff der heutigen

Finanzwirtschaft

 

 

Dietrich Eckardt

 

 

Vorwort

 

Das heute umlaufende Geld ist das Geld einer Kreditgeldwirtschaft. Es entsteht auf dem Wege von Kreditierungen, und zwar auch dort, wo Forderungen gegen sich selbst erzeugt werden (z. B. bei Banken), um mit ihnen zu bezahlen (z. B. Wertschriftenankäufe zu tätigen). Diese Tatsache ist Vielen nicht bewusst, oft auch denen nicht, die beruflich mit Geld zu tun haben. Die Antworten auf die Frage, was als Geld bezeichnet werden soll, bleiben deshalb augenfällig vage. Deshalb lag es nahe, ein Buch zu verfassen, das auf einem hoffentlich gut nachvollziehbaren Weg zum Geldbegriff der heutigen Finanzwirtschaft hinführt.

Meine Ausführungen gehen vom gegenwärtigen Status der Finanzwirtschaft aus, transzendieren diesen aber auch. - Konkret: das Geldwesen wird nicht nur so beschrieben wie es nunmehr ist, sondern darüber hinaus auch so, wie es in einem gut funktionierenden Finanzwesen sein sollte. Bei der Analyse der geldrelevanten Aktivitäten kristallisiert sich so etwas wie ein monetäres Ideal heraus. Es erwächst ein Maßstab, der nicht nur hilft, gängige Meinungen über das Geld in Frage zu stellen, sondern auch Neues zu sehen und ungewohnte Perspektiven zu eröffnen.

 

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Erkenntnisfortschritt vollzieht sich sowohl in monumentalen Paradigmenwechseln (Thomas Kuhn) als auch in den eher verhaltenen Falsifikationen des dahinfließenden Forschungsalltags (Karl Popper). Man kann darüber streiten, welche der beiden Komponenten den Gang der Wissenschaft mehr bestimmt. Unerlässlich für den Wert wissenschaftlicher Aussagen ist jedenfalls ihr Bezug auf Wahrnehmbares, worauf vor allem die frühen englischen Aufklärer hingewiesen hatten. Ergänzt sei hier noch: unser Wahrnehmen richtet sich nicht nur auf Sinnesdaten, sondern auch auf Geistesvorgänge - wie übrigens jeder weiß, der einmal eine Additionsaufgabe nichtmaschinell gelöst hat.

Um die unterschiedlichen Teile der Wahrnehmung in Eines zusammenzufassen und auch den Wesenscharakter der Wahrnehmung zu verdeutlichen, spricht man von Phänomenen (Immanuel Kant, Edmund Husserl). Erkenntnisrelevante Aussagen sollten stets den Phänomenen adäquat sein. Phänomenadäquanz hat noch nie einer Theorie geschadet, zumal sie deren Praxisrelevanz begründet. Auch schützt sie vor allzu unbekümmerten Falsifikationsversuchen der Theoriekritik. Es mag in vielen Theoriebereichen nicht einfach sein, dem Anspruch der Phänomenadäquanz zu genügen. Befremdlich ist dennoch, dass viele Ökonomen, die den Geldbegriff erklären wollen, wenig Mühe darauf verwenden.

 

 

Inhalt

 

A Ausgangslage und Problemstellung 7

 

B Darstellung der Untersuchungsergebnisse 19

 

1.- Der Tausch 23

 

2.- Das Tilgungsversprechen 28

 

3.- Der Gutschein 35

 

4.- Die Wertschrift 40

 

5.- Das Universalgeld der Kreditgeldwirtschaft 49

 

6.- Das Währungsgeld als Unterklasse des Universalgeldes 62

 

7.- Geldschöpfung und Geldvernichtung - Die Knappheit

des Geldes 73

 

8.- Der besondere Seins-Charakter des Geldes 90

 

 

C Folgerungen aus den Untersuchungsergebnissen 97

 

9.- Inflation und Deflation 98

 

10.- Zins und Leitzins 112

 

11.- Gelddeckung und „Sicherheiten“ 129

 

12.- Gelddeckung und Bargeld 136

 

13.- Das angebliche Geldschöpfungsmonopol 140

 

14.- Die Überschuldung 147

 

Literaturverzeichnis 157

 

 

 

A Ausgangslage und Problemstellung

 

Zu einer Zeit, in der selbst Fünfjährige eine passende Antwort auf die Frage „Was ist Geld?“ zu haben scheinen, muss sich derjenige, der die Frage im Kreise erwachsener Leser allen Ernstes stellt, gefallen lassen, für „nicht ganz richtig im Kopf“ gehalten zu werden. Aber lassen wir uns nicht beirren. – „Es ist schon so, dass niemand genau weiß, was Geld eigentlich ist…Ein Unglück ist es allerdings,…wenn die Experten selbst keine Vorstellung oder ganz falsche Vorstellungen davon haben…Das muss schlimme Folgen zeitigen“, so Johann Philipp von Bethmann, der letzte bankaktive Spross einer der ältesten Bankerdynastien der Welt (1991; s. auch sein Kollege Argentarius, Nachdruck 2011).

Dass die meisten Banker (wie übrigens auch viele Wirtschaftspolitiker und Ökonomen) sehr seltsame Vorstellungen über das Wesen des Geldes haben, zeigte sich erst jüngst wieder, als die Finanzmärkte bebten und „durchgreifende Maßnahmen“ ergriffen werden sollten, um die Zitterpartie zu beenden, Maßnahmen, von denen man hätte wissen könnte, dass damit eine folgende, weit schmerzlichere Zitterpartie programmiert ist.

Viel hat man bisher unternommen, um unser heutiges Geld zu erforschen - ohne durchschlagenden Erfolg. Der Fribourger Geldtheoretiker Bernard Schmitt (1978) und der amerikanische Wirtschaftsphilosoph Nassim Taleb (2010) sehen in erster Linie in der Unzulänglichkeit des Wissens und erst in zweiter Linie im Versagen der Geldinstitute oder der Finanzpolitik der Staaten den Grund für die Turbulenzen auf den Geldmärkten. Letztlich sei „die langwährende Unfähigkeit der Theorie, das heutige Geld zu erfassen“ (Schmitt) verantwortlich für die inzwischen von Vielen wahrgenommenen ökonomischen und finanzpolitischen Verwerfungen (s. auch Argentarius, a. a. O. und Johann Philipp von Bethmann, a. a. O.). Nicht nur in Bezug auf die Wissenschaft überhaupt, sondern speziell auch in Bezug auf die Ökonomik hat sich herumgesprochen, dass theoretische „Erkenntnis“ nicht immer die Praxis erleuchtet. Je unklarer ein Sachbewusstsein, desto beliebiger und infantiler ist bekanntlich die darauf aufbauende Praxis.

Wohl gibt es über das Was, d. h. das Wesen des Geldes viele Meinungen und Ansichten. - „Nichtsdestoweniger ist das Geldproblem bis in die jüngste Zeit hinein eines der dunkelsten Kapitel der Volkswirtschaftslehre.“ (Ludwig von Mises, Nachdruck 2005b - stellvertretend für viele andere Autoren). In diesem Zusammenhang ist treffend auch vom „Nebel um das Geld“ (Buchtitel von Gerhard Senf, 1997) gesprochen worden.

Ist das Wesen des Geldes nicht erfasst, verfängt sich der Geldumgang in einen Wust von Widersprüchen. Bedeutsame Erscheinungen bleiben im Dunkeln und Vorurteile, Furcht und Misstrauen dem Geld und seinen Verwaltungs- und Schöpfungsbereichen gegenüber sind an der Tagesordnung. Aber es ist nicht leicht, hier Klarheit zu schaffen. Besonders die saubere Abgrenzung jener Gebilde unter den Tauschobjekten des Marktes, die als Geld zu bezeichnen wären, gestaltet sich schwierig.

Das Geld und seine Institutionen scheinen jenseits der Grenze löblichen und verständlichen physischen Schöpfungsbemühens zu liegen, in einem Bereich, in dem die Fassbarkeit des Konkreten aufhört und unfassliche Abstraktionen herrschen. Das Thema ist also ebenso verwirrend für Spezialisten wie anstößig für Moralisten: Beide sind darüber beunruhigt, dass das Ganze über unsere Fähigkeit hinausgewachsen ist, die Abfolge der Ereignisse, von denen wir abhängen, zu überblicken oder zu lenken. Es scheint uns das alles entglitten oder, um es noch deutlicher zu sagen, über den Kopf gewachsen zu sein“, schrieb seinerzeit der Nobelpreisträger Friedrich August von Hayek. Aber auch mit seinem Geldbuch (1977) konnte er das von ihm angesprochene Dilemma nicht beseitigen.

Ein eindrucksvolles Beispiel für die Faktenbeschreibung Hayeks haben wir in Wolf Wondratschek, dem zeitweise meistgelesenen deutschsprachigen Lyriker. Über Geld äußerte er sich gegenüber der Zeitschrift Weltwoche so: „Geld ist Dreck. Es ist etwas Primitives, etwas durch und durch Obszönes, etwas ganz und gar Heilloses.“ Und an anderer Stelle (in seinem Buch: „Das Geschenk“): „Geld hat Hunger. Es ist eine Bestie. Es frisst Dich auf, deinen Verstand, dein Herz, deine Seele. Was bleibt, ist nackte Angst.“ In solchen Bemerkungen zeigt sich die tragische Hilflosigkeit desjenigen, der wohl versucht hat zu verstehen, aber mit diesem Versuch kläglich gescheitert ist. Solches Scheitern ist symptomatisch für die heutige Situation.

Es lohnt sich also, weitere Untersuchungen zur Aufhellung des Geldphänomens anzustellen und deren Ergebnisse der Öffentlichkeit bekannt zu geben. Sie könnten die ehemals rege Diskussion über den Geldbegriff wieder beleben und den Umgang mit Geld kultivieren.

Geld wird gern anhand seiner Funktionen definiert. Schon bei William Stanley Jevons (1835 – 1882) findet sich die geradezu klassisch gewordene Erklärung: Geld ist Zahlungsmittel, Wertaufbewahrungsmittel, Wertmaßstab und Recheneinheit. Es wird sich in der folgenden Darstellung zeigen, dass es besser geheißen hätte: Geld dient als Zahlungsmittel, Wertaufbewahrungsmittel, Wertmaßstab und Recheneinheit - neben vielen anderen Dingen auf dem Markt, die diese Funktionen auch übernehmen können und dass die funktionsorientierte Definition des Geldes untauglich für seine Wesenserfassung ist. Sie kann deshalb leicht in die Irre führen. Man vermisst in ihr das Besondere am Tauschgut Geld. Nimmt man nämlich die Jevons’sche Definition wörtlich, dann würden auch alle möglichen anderen in den Tausch gelangenden Güter „Geld“ heißen müssen.

In dem vordergründigen, funktionsorientierten Verständnis von Geld bleibt auch die Deutsche Bundesbank stecken: „Da begrifflich nicht eindeutig abgrenzbar, wird Geld nach seinen Funktionen ... definiert“, heißt es in einer von der Deutschen Bundesbank herausgegebenen Informationsschrift. Mit solch lapidarer Sentenz ist eines der renommiertesten Geldinstitute der Welt mit seinem Latein am Ende. Auch die Europäische Zentralbank sucht das Wesen des Geldes über seine Funktionen zu erfassen (EZB, 2009). Allerdings: - der ehemalige Bundesbank- und spätere EZB-Vorstand Otmar Issing setzt in seinem Standardwerk über Geld (15. Aufl. 2011) ein deutliches Fragezeichen hinter diesen Brauch. Aber auch er liefert keine überzeugende Definition des heutigen Geldes.

Dass das Wesen des Geldes streng von seinen Funktionen zu unterscheiden ist, darüber hat uns schon der Banker Argentarius belehrt (Nachdruck 2011). Zu viele Fragen bleiben offen bei der bloß funktionalen Begriffsbestimmung des Geldes. Schon Walter Lietzmann sieht die Schwierigkeiten. Angesichts der offenen Fragen schreibt er: „Wir müssen die wirtschaftlichen Grundlagen des Geldbegriffs untersuchen“ (1918).

Um die Geldfunktionen Zahlungsmittel, Wertaufbewahrungsmittel, Wertmaßstab und Recheneinheit vollends verstehen zu können, wird zuerst das Wesen des Geldes offen vor Augen liegen müssen. Geld unterscheidet sich nämlich wesentlich von allen anderen Zahlungsmitteln, Wertaufbewahrungsmitteln, Wertmaßstäben und Gütern, die als Recheneinheit verwendet werden können. Erst wenn das Eigentliche am Geld bekannt ist, kann herausgearbeitet werden, warum auch Geld dieses Funktionsdesign haben kann, und zwar in besonders ausgezeichnetem Maße.

Bei funktions- oder einzelmerkmalsbezogenen Begriffsdefinitionen besteht stets die Schwierigkeit, den Kern der Sache zu treffen und vernünftige Schlüsse für die Praxis zu ziehen. Das gilt nicht nur in Bezug auf die Finanzwirtschaft, sondern auch in Bezug auf andere Gegenstandsbereiche der Forschung. Es handelt sich um ein allgemeines erkenntnistheoretisches Problem.

 

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Den Ursprung des Geldes sucht man im Naturalientausch. Beim Naturalientausch kristallisierten sich - so die allgemeine Auffassung - im Laufe der Entwicklung aus der Gesamtheit der Tauschgüter solche heraus, die wegen ihrer guten Eintauschbarkeit bei vielen Tauschvorgängen als Tauschobjekte verwendet werden können. Man spricht diesbezüglich auch von guter Marktgängigkeit eines Tauschguts (Carl Menger: „Absatzfähigkeit“; Friedrich August von Hayek: „Liquidität“). Dieser Ausdruck bezeichnet die Leichtigkeit, mit der bestimmte Güter gegen andere eingetauscht werden können.

Es hatten sich im Laufe der Geschichte des Handels „nach einem langen Ausleseverfahren“ (Ludwig von Mises, Nachdruck 2005a) vor allem Gold und Silber als die marktgängigsten Zahlungsmittel herausgebildet. In fast allen Teilen der alten Welt trugen die Edelmetalle den Sieg über andere Tauschgüter davon. So wurden sie zum alleinigen Entgelt für ein zu erwerbendes Gebrauchsgut. Man brauchte im Tausch überhaupt keine gewöhnlichen Naturalien mehr anbieten, wenn man nur genug Gold und Silber hatte - ein starker Anreiz, sich „mit allen Mitteln“ Gold- und Silberschätze zu beschaffen.

Vor allem mit den Edelmetallmünzen (vorher gab es nur die sog. Edelmetall-„Hackstücke“; Walter Lietzmann, 1981) hatte man Tauschobjekte, die überall in den Handel einbezogen werden konnten. Hier soll nun nicht den Umständen nachgegangen werden, die zur Prägung der Münzen mit den Siegeln der Obrigkeit geführt haben. Wir halten aber die Tatsache fest, dass über lange Zeit hinweg die Metalle Gold und Silber (manchmal auch Kupfer) eine herausragende Stellung bei den Tauschvorgängen des Marktes innehatten – gewissermaßen als Geld.

Wegen ihrer Begehrtheit und Seltenheit sind schon geringe Edelmetallmengen hochwertig. Edelmetalle verderben nicht und sind insofern problemlos lagerbar. Außerdem sind sie gut stückelbar. Unter der Voraussetzung allgemein geltender Gewichtsmaße sind sie in gleichgroße Einheiten teilbar - eine wichtige Bedingung für die numerische Erfassung ihres Wertes.

Mit der Entwicklung hin zum Tauschmittel „Edelmetall“ war ein großer Schritt nach vorn getan. Man konnte nun das Gesamteigentum eines Wirtschaftssubjekts nach dem Grad seiner Liquidität in unterschiedliche Teile aufgliedern: Einige Teile konnten jederzeit an jedem Marktort am Handel teilnehmen. Andere Teile konnten das nicht oder nur bedingt.

So beliebt die Edelmetalle als Zahlungsmittel auch waren, so büßten doch über eine geraume Zeit – eigentlich bis zum heutigen Tage - alle anderen Güter ihre Zahlungsmittelfunktion nicht ein. Ein Beispiel ist die Zigarette, die in der Nachkriegszeit ein besseres Zahlungsmittel war als Geld. Daraus folgt: das Bezahlen ist ursprünglich ein prämonetäres Phänomen. In bestimmten Redewendungen, z. B. der eines Geschädigten: „das zahle ich dir heim“ ist der prämonetäre Sinn des Bezahlens noch lebendig. Bezahlen im weitesten Sinne ist nichts anderes als die Vergeltung einer Lieferung in Form einer Gegenlieferung.

Neben den Edelmetallen, die ja auch Rohstoffe für reale Gebrauchsgüter waren, kamen bald Tauschobjekte auf (in China offenbar schon im 11. Jahrhundert), deren Gebrauchswert lediglich darin bestand, in andere Güter umgetauscht zu werden: Geldscheine - meist in Form von bedrucktem Papier. Sofern diese Scheine von Banken emittiert wurden, nannte man sie Banknoten. Charakteristisch für die damals auf den Markt gelangten Banknoten ist:

1. Sie waren für die sie emittierenden Banken Schuldscheine. Die Schuld, die sie bescheinigten, war eine Edelmetall-Lieferschuld (oft auf Gold, aber auch auf Silber lautend). Für die Empfänger und Inhaber der Scheine waren sie Gutscheine. Sie stellten Ansprüche auf Lieferung von bestimmten Mengen Edelmetall dar. Die Banknoten waren also Gut- und Schuldscheine zugleich.

2. Jede Banknote beinhaltete ein Versprechen, nämlich das Versprechen, durch Lieferung von Edelmetall die auf ihr bescheinigte Schuld zu tilgen. Sie dokumentierte ein Tilgungsversprechen.

3. Als Bescheinigung (Notierung, Note) war sie das Tilgungsversprechen nicht selbst, sondern nur dessen symbolische Vergegenständlichung.

4. Das Tilgungsversprechen war quantitativ bewertet. Deshalb befand sich auf der Banknote eine Zahl und ein Wertmaß.

5. Als bloßes Versprechen benötigte sie eine Deckung. Eine Dekkung brauchte das Edelmetallgeld nicht. denn es war gewissermaßen durch seinen Eigenwert („intrinsischer Wert“) gedeckt.

6. Die Deckung des Tilgungsversprechens war nicht das Edelmetall selbst („Golddeckung“), sondern das Edelmetall-Lieferpotential des Emittenten der Banknote. Die Banker „an der Front“ lernten schnell, dass es sich bei der Deckung ihrer Versprechen nicht um die materiell existente Sache (das Edelmetall) handelte, sondern um das Potential, diese Sache bei Bedarf liefern zu können. Deshalb hielten sie von dem Edelmetall nur soviel auf Lager, wie aufgrund ihrer Erfahrung gewöhnlich für den Eintausch von Geldscheinen benötigt wurde. Denn die Banknotennutzer „an der Front“ wollten die Noten in erster Linie nicht gegen Edelmetall, sondern gegen andere Wirtschaftsgüter tauschen. - Gold kann man nicht essen.

7. Das Bewertungskriterium Güte („Bonität“) verlagerte sich aus dem Bereich der Realität (Edelmetall-Qualität) hinein in den Bereich der Potentialität (Edelmetall-Liefervermögen). Wo vorher das Gold selber seinem Wertgehalt nach abgeschätzt wurde, wird nun die Fähigkeit, Gold mit bestimmten Wertgehalt liefern zu können, seinem Wert nach abgeschätzt. Die Bonitätsprüfung verlagerte sich weg vom Tauschobjekt (Gewicht und Feingehalt des Edelmetalls ermitteln) hin zum tauschenden Subjekt (Potential ermitteln, Edelmetall eines bestimmten Gewichts und Feingehalts liefern zu können).

Die Nichtbeachtung dieser Sachverhalte, vor allem das fehlende Verständnis des Wesenscharakters der Gelddeckung (die Wende weg von der Realität hin zur Potentialität; s. Punkte 5 bis 7) verführte die ökonomische Theoretik oft zu recht abenteuerlichen Aussagen. Allerdings: „Geld gehört zu den Dingen, deren Verständnis man erschwert, wenn man sie allzu einfach darzustellen versucht“ (Josef Schumpeter, Nachdruck 2008),

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