Persönlichkeitsbildung in Freiheit

Eine Alternative zum heutigen Bildungsbetrieb

 

(Protokolle der Aufklärung, Bd. 1)

 

Das Buch versteht sich als Aufklärungsschrift. Es will den Lesern helfen, sich und ihre Welt besser zu verstehen und den „Smog im Hirn“ (Claudio Hofmann) zu beseitigen, den sie infolge des üblichen Bildungs- und Entwicklungsgangs bei sich angehäuft haben. Die Schrift nimmt ihren Ausgang bei den Defiziten des heute üblichen Entwicklungsgangs und stellt diesem die Vision einer menschengerechten Persönlichkeitsbildung entgegen.

 

Inhalt

 

A Ausgangslage und Problemstellung

 

B Die Untersuchungsergebnisse

 

B 1 Persönlichkeitsbildung heute

B 1.1 Das Lernen nach Plan

B 1.2 Der Bildungsdespotismus

B 1.3 Die Schulpflicht

B 1.4 Der „heimliche Lehrplan“

B 1.5 Der Weg in die Knechtschaft

B 1.6 Der verschulte Mensch

 

B 2 Freie Persönlichkeitsbildung

B 2.1 Der Bildungsgang

B 2.1.1 Der Bildungsweg als unbehindertes Wachstum

B 2.1.2 Das Bildungsziel als Mündigkeit

B 2.2 Freie Bildungsstätten

B 2.2.1 Kinderdörfer als Orte familiären Aufwachsens

B 2.2.2 Lehrhäuser als Jugendbildungsstätten

B 2.2.3 Foren der Reflexion und des Diskurses

B 2.3 Emotionale Basis der Persönlichkeitsbildung

B 2.3.1 Achtung und Liebe

B 2.3.2 Existenzangst

 

C Die Wende

C 1 Der Widerspruch im heutigen Bildungsverständnis

C 2 Der vergebliche Versuch, Schule abzuschaffen

C 3 Die Selbstzerstörung der Schule

C 4 Die Bildungs-„objekte“ wehren sich

C 5 Befreiung der Beschulten hin zu sich selbst

C 5.1 Sensibilität und Bewusstsein im Widerstreit

C 5.2 Die Wende hin zum Ich

C 6 In weiter Ferne

 

 

Anhg. 1: Das Ich und die Freiheit

Anhg. 2; Freiheit und Verantwortung

Anhg. 3: Der Sachbezug der Wissenschaft

 

D Literaturverzeichnis

 

A Ausgangslage und Problemstellung

 

Nach dem Vorschlag des ehemals in Preußen für Bildungsfragen zuständigen Ministers Wilhelm von Humboldt soll durch organisierte Persönlichkeitsbildung „eine höhere Menschheit“ entstehen. Eine „Veredelung des ganzen Menschengeschlechts“ soll stattfinden. Die Persönlichkeitsbildung hat „alles einem Ideal zuzubilden“ (Nachdruck 2017). Diese romantisch inspirierte Bildungsvorstellung stand in krassem Gegensatz zu der eher nüchternen Sicht der Dinge, die einige Vertreter der europäischen Aufklärung damals hatten: „Aus so krummem Holze, als woraus der Mensch gemacht ist“, meinte Immanuel Kant einmal, „kann nichts ganz Gerades gezimmert werden.“

Nachdem die Vorstellung vom „idealen Menschen“ als Ziel für die Bildung von Heranwachsenden nun endgültig abgewirtschaftet hat, müssen wir uns wohl auf Bescheideneres besinnen. Es gibt anscheinend kein höheres Ziel für die Persönlichkeitsbildung als den möglichst umfänglichen Ausbau des individuell vorhandenen Geistes- und Handlungspotentials. Der Ausbau muss innerhalb der Grenzen erfolgen, die Jedem von seinem Schicksal her vorgegeben sind. Trotz solcher Grenzen kann sich ein (selbst einfaches) Leben glücklich entfalten und schöne Blüten treiben.

Ansehnliche Lebensblüten begegnen einem heute selten. Wenn ich mich unter meinen Zeitgenossen umschaue, sehe ich allenthalben Varianten blutleerer und etwas angegrauter Halblebigkeit. Es kommt mir vor, als führten Viele von uns eine Art Secondhandexistenz. Oft schlägt mir eine gedrückte und missmutige Stimmung entgegen - bei allem offenkundigen Aktionismus.

Selbst diejenigen, die im Beruf ihre Aufgabe gefunden haben, vegetieren in einer leicht durchschaubaren Pseudovitalität dahin. Manche versuchen, durch absurde Exzesse ihr Lebensgefühl zu steigern. Andere sind in ständiger Unruhe und verfallen einer sinnwidrigen Geschäftigkeit. Die Meisten spüren nur unterschwellig, wie weit sie durch die Art ihres Aufwachsens von sich selbst weggezogen wurden.

Ein öffentlich-rechtlicher TV-Sender (ZDF) gab im Jahr 2017 bekannt, dass ca. fünfzehn Millionen Erwachsene in Deutschland mehr oder weniger depressiv seien. Dazu kämen noch ca. fünf Millionen, die ihre Depression durch Nikotin-, Alkohol- und andere Süchte wegdrücken bzw. verheimlichen (meistens Männer). Am 23.10. 2018 flimmerte die Nachricht über den Bildschirm (auch wieder im TV-Sender ZDF), dass es bei den Schulkindern in Deutschland nicht viel anders aussieht. Viele von ihnen leiden unter chronischen Schlafstörungen (Spiegel 3/2019).

Der Psychiater Michael Winterhoff diagnostizierte schon früher bei den rührigeren Exemplaren unserer Art so etwas wie „agitierte Depression“ (2009). Die „Agitation“ – so ist zu beobachten - äußert sich häufig in der Unzufriedenheit und Nörgelei der sogenannten „Wutbürger“. (Deren Empörung ist allerdings oft eher schwachbrüstig. Sie fällt in sich zusammen, sobald die Beseitigung ihres Anlasses zu viel kostet.)

Außerdem: Wie soll man sich erklären, dass es Vielen von uns so schwerfällt, mit ganzer Seele und aus vollem Herzen heraus erwachsen zu sein? - Vielleicht weil wir es niemals mit ganzer Seele und aus vollem Herzen heraus sein durften. Ein beschwingter und optimistischer Entschluss dazu kam auf unserem Bildungsweg nicht vor. Er war von den bestallten Bildungsexperten nicht eingeplant, obwohl die jeden Entwicklungsschritt bis ins Kleinste schon vorbedacht hatten. Deshalb muss der freie Entschluss hin zum Erwachsensein durch einen obrigkeitlichen Beschluss ersetzt werden: Jeder wird nach Erreichen eines bestimmten Alters gewissermaßen zum Erwachsenen gestempelt. Das Erwachsenwerden wird zur Sache des Abreißkalenders. Man macht kalendarisch Erwachsene aus uns. Man behandelt uns wie Kinder, die für eine Nichtigkeit (achtzehn oder einundzwanzig Jahre alt geworden zu sein) eine Belohnung erhalten.

Kein Wort im Evangelio ist mehr in unseren Tagen befolgt worden, als das WERDET WIE DIE KINDLEIN“, bemerkte der mit seinem Sarkasmus nicht gerade zimperliche Georg Christoph Lichtenberg vor über zweihundert Jahren. Johannes Beck (1994) spricht in ähnlichem Zusammenhang von „Infantilisierung der Gesellschaft“.

Wir kalendarisch Erwachsene tragen unseren Status wie einen Orden, den man uns an die Brust geheftet hat. So ist uns das Erwachsensein zumindest einmal von außen angeheftet. Das Berufsleben zwingt schließlich dazu, ein eher unzufriedenes Erwachsensein zu akzeptieren, oft geprägt von unbegründeter Ängstlichkeit und Risikoscheu. Wie aufgesetzt wirkt das Verhalten von Leuten, die - nie wahrhaft erwachsen geworden - es nun auf Teufelkommheraus sein müssen, weil eine bestimmte Rollenerwartung es ihnen abverlangt?

Eine weitere Erscheinung fällt ins Auge. Die heutige Form des Aufwachsens schafft dort, wo sie nicht geradezu Aggressivität oder Bunkermentalität hervorruft, die Gesinnung von Versorgungsempfängern. Sie stärkt nicht, sie schwächt. Sie züchtet das Bedürfnis, Staatsbeamter, Pfarrer, Sozialarbeiter, Arzt (am Nabel der Staatskasse) oder ein anderweitig abgesicherter Bediensteter zu werden. Außerdem ist zu vermuten, dass sie einen Großteil der Unterhaltsfälle der „Randgruppen der Gesellschaft“ schafft, die dann ein zentral gelenktes System durchfüttern muss.

Das alles sind betrübliche Erscheinungen. Die Vermutung, dass etwas mit unserer Persönlichkeitsbildung grundsätzlich nicht stimmt, scheint nicht aus der Luft gegriffen. Lässt sich diese Vermutung erhärten? - Man kann die Frage aus unterschiedlichen Richtungen angehen und eine Reihe von Gründen für jede Antwort ins Feld führen. Sicher gibt es die fehlenden Mittel. Sicher gibt es die unfähigen „Experten“. Sicher gibt die bornierte „Bildungspolitik“. All das will ich hier unberücksichtigt lassen. Ich will nur den Tatbeständen nachgehen, die das Zusammenspiel von Bildung und Freiheit tangieren.

In den folgenden Texten steht das Ich als Bildungssubjekt und nicht als Bildungsobjekt im Fokus. Dabei soll vor allem auf die Untersuchungsergebnisse jener Autoren aufmerksam gemacht werden, die die Basis geschaffen haben für ein wahrhaft freies Bildungsverständnis. Sie haben Erkenntnisse geliefert, die sowohl für die Diagnose als auch für die Therapie des Bildungsbetriebs von großem Nutzen sind. Deshalb räume ich ihnen im folgenden Text viel Platz ein. Vielleicht konnte ich aufgrund eigener Beobachtungen und Analysen die eine oder andere Argumentationslücke in ihren Schriften schließen.

In meiner Schrift geht es um die Freiheit im Bildungsprozess. Immanuel Kant hat herausgefunden und umfassend begründet: Freiheit ist nicht erkennbar, jedenfalls nicht in dem Sinne, indem wir von Naturerkenntnis sprechen. Seltsam ist aber: Wir leiden, wenn wir uns unfrei fühlen. Wir werden aggressiv, wenn wir unnötig gegängelt werden. Wir wenden uns ab, wenn jemand versucht, uns zu manipulieren. Bei Verhandlungen setzen wir voraus, dass unser Verhandlungspartner willens ist, „nachzugeben“. Er setzt Gleiches bei uns voraus, wodurch wir uns bedrängt fühlen. Wir spüren deutlich, wenn wir beim spontanen Fortgang unserer Aktivitäten behindert oder gestört sind. Das alles sind reale Erlebnisse. Wie sind sie möglich – bei aller Unerkennbarkeit der Freiheit?

Offenbar tragen wir etwas in uns, das solche Erlebnisse bewirkt. Und das ist eine spürbar starke Kraft. Wir nennen sie Freiheit. Aber wir erkennen sie nicht. Und jeder muss sich fragen: Wie kann diese Kraft so erheblich und nachhaltig auf uns einwirken, obwohl wir nichts von ihr sehen? Wie kann sie ganze Gesellschaften in Aufwallung versetzen? Wie kann sie das Verhältnis von Ich und Gesellschaft gar zerstören?

Der Nobelpreisträger Friedrich August von Hayek hatte im Zusammenhang mit der Erörterung gesellschaftlicher Fragen das Freiheitsproblem in den Mittelpunkt seines Denkens gestellt. Er macht das Überleben der Zivilisation davon abhängig, ob und inwieweit es ihr gelingt, der Freiheit des Individuums in allen Lebensbereichen Raum zu verschaffen. Das gilt besonders für den Bildungsbereich.

Angesichts der abenteuerlichen Freiheitsvergessenheit im derzeitigen Bildungsbetrieb ist es ratsam, sich zunächst einmal Klarheit über den Freiheitsbegriff selbst zu verschaffen. Um den Gedankenfluss in der hier vorliegenden Schrift nicht ungebührlich zu behindern, habe ich die diesbezüglichen Erörterungen in den Anhang verbannt (s. Anh. 1 und 2). Auf die dort dargestellten Untersuchungsergebnisse verweise ich die Leser ausdrücklich.

Es gibt ein Grundsatz, dem wohl jeder zustimmen kann. Er lautet: Alle Menschen haben das gleiche Recht auf freie Lebensentfaltung. Ich habe ihn Naturrechtsgrundsatz genannt (s. mein Rechtsbuch, Abschnitt B 1), weil er eine für jeden Menschen natürliche Berechtigung aussagt. Per Subsumtion lässt sich aus dem Grundsatz unter anderem der Satz „Alle Menschen haben das gleiche Recht auf freie Persönlichkeitsbildung“ ableiten. Als Derivat des Naturrechts ist auch das Recht auf freie Persönlichkeitsbildung ein Recht „von Natur“. Von diesem Recht gehen die folgenden Erörterungen aus.

Wenn es überhaupt so etwas wie Freiheitsbewusstsein in einer Gesellschaft gibt, dann muss sich das in der Art und Weise niederschlagen, in der dort Persönlichkeitsbildung stattfindet. Persönlichkeitsbildung ist Gegenstand der Pädagogik. Die Pädagogik versteht sich als Wissenschaft, die sich mit der Bildung und Erziehung der Individuen beschäftigt. Sie zielt auf die Änderung der Weltsicht von Menschen, seiner inneren Einstellung, seines Handelns und seines Redens. Die Pädagogen begleiten den Weg dorthin, deshalb das altgriechische Wort „paidagogos“.

Eine unüberschaubare Fülle von Geschriebenem ist in den letzten Jahrzehnten zu pädagogischen Themen entstanden. Dessen gefälligste Elaborate jubelt der Zeitgeist zu anbetungswürdigen Starprodukten hoch und katapultiert sie auf die ersten Plätze der Bestsellerlisten. Dort finden wir dann psychologene Plaudertraktätchen in trauter Gesellschaft mit moralinigen Generalattacken - fürs verängstigte oder nach Bestätigung dürstende Publikum. Olaf Link (2011) liegt nicht falsch, wenn er die Auslassungen der Möchtegerntheoretiker Peter Hahne, Petra Gerster, Christian Nürnberger, Walter Mixa, Katharina Saalfrank und Bernhard Bueb einer harschen Kritik unterzieht. Mit pädagogischer Schundliteratur ist heute richtig Geld zu machen. Eine ganze Industrie lebt inzwischen davon (Hartmut von Hentig, 2003).

Mit der derzeitigen Persönlichkeitsbildung und ihrer „Theorie“ steht es nicht zum Besten. Das hat man aber in und von früheren Zeiten auch schon gesagt. Erinnert sei an Philipp Melanchthons Suada in seinem Schriftchen De miseriis paedagogorum. Aber anders als früher, als man noch schnelle, wenn auch nicht immer intelligente Lösungen parat hatte, verunsichert die heutige Bildungsmisere die zuständigen Experten beträchtlich. Ihre Hilflosigkeit wird seit Jahren öffentlich kundgetan (Hartmut von Hentig, 2003; Wolfgang Bergmann im SPIEGEL Nr. 14/2009).

Der m. E. erste Schritt, um aus der nunmehr auch von der Öffentlichkeit wahrgenommenen Bildungsmisere herauszukommen, ist schonungslose Aufklärung. Auf diesem Weg muss sichtbar werden, wo und warum freie Persönlichkeitsbildung derzeit nicht gelingt und wie sie sich alternativ vollziehen könnte. Die Leitfrage für die folgende Darstellung lautet daher: Welche Form braucht eine dem Menschen - in seiner Rolle als Freiheitsträger - angemessene Persönlichkeitsbildung?

 

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© Dietrich Eckardt – freier Autor